Angefangen hat alles, als ich dem Alter war, in dem Kinder selbständig essen. Wir hatten bei Tisch eine festgelegte Reihenfolge, wie das Essen ausgeteilt wurde. Zuerst mein Vater, dann meine ältere Schwester, dann ich. Meine Mutter meinte dann immer "Esst ihr nur mal, ich nehme mir was übrigbleibt". Keiner in meiner Familie ist (ausser mir) Über- oder Untergewichtig, trotzdem haben alle einen gesunden Appetit. Womit dann meist (zumindest in meinen Augen) nicht genug für meine Mutter übrigblieb. Was tut man also, als 2, 3-jähriger Sproß? Man fängt an nachzudenken. "Wenn meine Mama nichts isst, stirbt sie. Also esse ich weniger oder auch gar nichts, dann hat sie mehr" Und genau das hab ich dann getan.
Natürlich gab es auch Probleme mit meinen Eltern. Obwohl sich die beiden lieben und schon knappe 40 Jahre verheiratet sind, gab und gibt es doch ein paar Dinge, die beiden zu schaffen machen. Zum einen ist meine Mutter eine sehr unselbständige Frau. 1932 geboren, wurde sie, nur wenige Wochen alt, von ihrer damals 60-jährigen Großmutter, meiner Urgroßmutter, adoptiert. Sie lernte von ihr die "altmodische" Lebensweise. Was soviel heisst, wie dass der Mann das Geld verdient und das Sagen hat, während die Frau sich um Heim und Kinder zu kümmern hat. Sie ist eine absolut liebenswerte Frau mit einem viel zu großen Herzen, aber als Partnerin kann sie mein Vater wohl nicht bezeichnen. Doch eine Partnerin wäre das, was er bräuchte. Ich selbst habe eine ungewöhnlich enge Bindung zu meiner Mutter und versuchte von Kindheit an, so zu werden wie sie. Nur um später im meinem Leben zu erfahren, dass man mit Schüchternheit und Unselbständigkeit nicht durchs Leben kommt. Mein Vater wiederum hatte es nicht leicht. Sein erstgeborenes Kind, ein Junge, starb mit 2 ½ Jahren. Und meine ältere Schwester war in ihrer Kindheit was man allgemein als "schwer erziehbar" bezeichnet. Natürlich setzte er alle Hoffnung auf mich, das Nesthäkchen. Dass ich dann nicht imstande war, mein eigenes Leben zu leben, hat ihn schwer enttäuscht. Die Erwartungen, Ansprüche und Hoffnungen meiner Eltern schürten meine Krankheit nur zusätzlich. Der Druck war von beiden Seiten einfach zu groß. Zum einen, der Wunsch meiner Mutter noch näher zu stehen, indem ich so wurde wie sie, auf der anderen Seite mein Vater, den ich ja auch liebte und dem ich alles recht machen wollte, ohne zu wissen wie.
Das ganze verschlimmerte sich in der Pubertät. Als Kind wurde ich stets gehänselt, doch mit ungefähr 13 fand ich heraus, dass man in den Kreis der anderen Jugendlichen aufgenommen wurde, wenn das äußere entsprechend war. Also achtete ich auf meine Figur indem ich Sport trieb. Laufen, Reiten, Karate, Fitnessstudio und, zum Ausgleich, Schießen. Und auf einmal hatte ich Freunde. Wenn auch die falschen.
Im Verlauf meines Lebens kamen noch einige Schicksalsschläge dazu. Mit 11 wurde ich vom Vater meiner Freundin missbraucht, mit 13 von 3, sogenannten, Freunden vergewaltigt. Kurz darauf kam ich mit meinem Ex-Freund zusammen, der schon im 3. Monat unserer Beziehung anfing, mich zu schlagen. Knochenbrechen war seine Spezialität. Er hatte sich anscheinend auf Füsse spezialisiert, denn er brach mir nacheinander jede Zehe, sowie beide Fussgelenke. Warum ich ihn nicht verließ? Ich wollte und habe es damals auch versucht. Doch er sah mich nur durchdringend an und meinte: "Versuchs doch. Ich weiss wo du wohnst, wo du zu Schule gehst, und wer deine Freunde sind. Und irgendwann kriege ich dich". Ich hatte Angst. Meiner Mutter konnte ich mich, so dachte ich, nicht anvertrauen, da sie gerade einen Schlaganfall hinter sich hatte. Und ich dachte, mein Vater würde den Kerl totschlagen, wenn er herausfinden würde, was der mit mir anstellt. Falsch gedacht. Eines Tages war ich mit meinem Freund bei mir zu Hause. Meine Eltern waren aus. Und da kam es wieder zum Streit. Diesmal darüber, ob ich zum Geburtstag einer Freundin gehen dürfe. Er schlug zu. Was wir nicht wussten war, dass mein Vater schon zu Hause war. Vom Lärm angelockt, kam er in mein Zimmer und fragte was hier los sei. Schluchzend hielt ich mir das langsam anschwellende Gesicht und sagte meinem Vater, was passiert war. Der krallte sich meinen Freund am Hemd und sagte, wenn mich hier einer schlagen würde, wäre er das, drehte sich rum und lies uns allein. Von da an ignorierte er die Situation. Nach 4 1/2 Jahren machte ich, Mithilfe meines besten Freundes, mit ihm Schluss. Doch noch Monate danach ging ich nicht ohne Gaspistole und Springmesser aus dem Haus. Wenn möglich auch noch in Begleitung des Rottweilers einer meiner Freundinnen. Mehr als einmal hat mir mein Ex damals aufgelauert, sich aber beim Anblick von Hund oder Freunden, wieder verzogen.
Ich machte danach noch eine Vergewaltigung mit, bis ich schliesslich meinen Ex-Mann kennen und lieben lernte. Er war Amerikaner und, von der Art her, ein wundervoller Mann. Der Taum-Schwiegersohn und ein liebevoller Ehemann. Ein Jahr nach der Geburt unserer Tochter zogen wir nach Amerika wo dann, 1997, unser Sohn zur Welt kam.
Doch schon kurz nach dem Umzug in die USA begannen die Probleme. Wir wohnten Anfangs bei seinen Eltern, die mit seiner Wahl einer Ehefrau absolut nicht einverstanden waren. Ich durfte nichts machen oder sagen, denn sonst wurde ich sofort als Nazischlampe deklariert. Während mein Mann arbeiten ging, verbrachte ich den Tag mit meiner Tochter in einem 10 qm großen Zimmer, nur zum Essen und aufs Klo wagte ich mich raus. Das Telefon durfte ich sowieso nicht benutzen, und da die nächste Stadt eine halbe Autostunde weit weg war, gab es auch keine Möglichkeit, zu schreiben und somit Kontakt zu meinen Eltern aufzunehmen.
Als eines Abend meine Schwiegereltern aus waren, beantwortete mein Schwager das Telefon. Es waren meine Eltern. Da ich mit meinem Schwager ein sehr gutes Verhältnis hatte, rief er mich sofort an den Apparat. Das erste was ich meiner Mutter sagte war "hol mich heim". Und das taten meine Eltern dann auch. Ich blieb 3 Monate in Deutschland während mein Mann ein geeignetes Haus für uns fand. Dann kehrte ich zu ihm zurück. Aber was sich nicht geändert hatte war, dass ich nun mal nicht wie die amerikanischen Frauen war. Ich hatte langsam eine eigene Meinung und vertrat meine Standpunkte. Meinem Mann war das ein Dorn im Auge. Auch wenn er mich nie schlug, so setzte er mir doch auf anderen Gebieten sehr zu. Nachts ans Bett gefesselt aufzuwachen, während er seinen "Spass" mit mir hatte, war an der Tagesordnung. Nach der Geburt unseres Sohnes griff er zu Alkohol und Drogen und verließ uns schließlich für eine andere Frau. Eine sehr schwere Zeit, in der ich mit einem Kleinkind und einem Neugeborenen ohne Essen oder Geld dasaß. Mein kleiner und ich wären fast verhungert, meine Tochter hat 3 Selbstmordversuche hinter sich. Nichts ist schwere für eine Mutter als in die leeren Augen ihrer Kinder zu sehen, die stumm nach Essen fragen. Oder sein Baby, wie es angeschlossen an Drähte und Schläuche im Krankenhaus liegt, nur knapp dem Tod durch Verhungern entronnen. Während draussen extreme Minustemperaturen herrschten und der Schneesturm ums Haus jagte, saß ich unter mehreren Decken bei Kerzenschein mit meinen Kindern im Bett. Wir hatten kein Geld für Strom. Und es war Dunkel und Kalt.
Das alles ist, zum Glück, Vergangenheit. Mithilfe einer ehemaligen Arbeitskollegin konnte ich nach Deutschland zurückkehren, wo ich sofort alles daran setzte, nicht in der Isolation zu versinken. Ich kannte Jens, meinen jetzigen Mann schon vorher, doch unsere Beziehung begann dann im Oktober 98. Im März 99 machte ich ihm einen Heiratsantrag und seit Weihnachten 99 sind wir nun auch vor dem Gesetz ein Paar.
Während all dieser Jahre war die Magersucht mein Ständiger Begleiter, ein heimlicher Weggefährte der mich führte und verführte. Essen war nie wichtig für mich. Weshalb auch. Ich war ja "unwürdig" ein Mensch zu sein. Ich hatte nichts gutes verdient. Zumindest lieferte mir mein Leben den Beweis dafür. Denn wenn ich ein guter Mensch gewesen wäre, wäre mir auch all das schlechte nicht passiert. Erst durch Jens fand ich die Kraft, mich gegen die Magersucht zu stellen. Ich suchte eine Therapeutin und fand auch eine zu der ich Vertrauen habe und die sich auf Ihrem Gebiet eine ausnehmend gute Kraft ist. Ich fing an, Freunden und Familie von meiner Sucht zu erzählen und stieß dabei auf sehr viel Unterstützung, aber auch Unglaube und Unverständnis.
Nach 4 Jahren Therapie bin ich fast von meiner Krankheit geheilt.
Es war nicht leicht, über die Magersucht hinwegzukommen. Und ohne die Hilfe von Freunden und Familie wäre es mir auch nie möglich gewesen.
Es liegt noch einiges vor mir. Weiter zu lernen, mit neuen Gefühlen, aber auch neuen Möglichkeiten und Chancen zu leben. Die Balance zwischen Selbstaufopferung und Egoismus zu finden. Kurz, ein normales Leben zu leben. Aber ich weiss, dass ich den Schlüssel zu meinem Eigenen Leben in der Hand halte, dass ich selbst für und über mich bestimmen kann. Und das ist ein Gefühl, dass auch monatelanges Hungern nicht ersetzen kann.
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