Frage: Was ist Magersucht genau?
Julia: Für mich ist es der Drang, sehr dünn zu sein, dem Schönheitsideal zu entsprechen. Eigentlich geht es aber nicht nur ums Dünnsein, sondern auch um den Leistungsbeweis. Wenn jemand zu mir gesagt hat, "Mensch, bist du dürr", auch wenn er es negativ gemeint hat, habe ich das als Bestätigung aufgefaßt.
Ist es Deiner Meinung nach eine phsychische Krankheit?
Was denn sonst?
Was hast Du in dieser Zeit gegessen?
Tagsüber garnichts, abends ungefähr 500g Griesbrei, also eigentlich ganz genau 500g Griesbrei, ab und zu mit ein paar Keksen, und heiße Milch mit Wasser und Honig und viel Süßstoff, und ich habe viel getrunken und Multi-Vitaminbrausetabletten genommen.
Warum hast Du so wenig gegessen?
Ich habe mich immer vor dem Essen gewogen, und erst dann konnte ich was essen. Ich brauchte einfach diesen Leistungsbeweis, das Gefühl, es mir verdient zu haben. Ich habe mich nicht getraut, was zu essen, bevor ich nicht mein Programm durchgezogen hatte.
Welches Programm?
Ich bin auf meinem Hometrainer geradelt, habe geputzt wie eine Wilde und alles kontrolliert, z.B. ob alle Flaschen im Kühlschrank richtig zu sind oder meine Klamotten richtig im Schrank liegen. Durch mein tägliches Programm und die Arbeit sind mir dann nur vier oder viereinhalb Stunden Schlaf geblieben, und dann hatte ich Angst, ich könnte am nächsten Tag nicht gleich nach dem Aufstehen auf mein Fahrrad, weil ich mein Essen noch nicht verdaut habe.
Hast Du das gemacht, um abzunehmen?
Teilweise. Aber noch viel wichtiger ist, daß ich nicht zurückstecken kann. Wenn ich einmal 100 Minuten am Tag geradelt bin, dann muß ich das jeden Tag machen, sonst habe ich das Gefühl versagt zu haben, meine Leistung nicht gebracht zu haben. Und bevor ich das nicht gemacht habe, kann ich einfach nichts essen.
Hast Du dich isoliert?
Eigentlich schon. Ich bin zwar zur Arbeit gegangen und auch abends weggegangen, aber durch meinen Putzzwang hatte ich Panik vor Besuchern, weil die meine Wohnung durcheinanderbringen und ich meinen Zeitplan nicht einhalten kann. Ich konnte auch nicht zum Essen gehen, und ich mußte immer zu einem bestimmten Zeitpunkt nach Hause gehen, um meinen Plan durchzuziehen.
Warst Du immer noch fröhlich und konntest Du Dein Leben genießen, oder dachtest Du nur noch ans Essen?
Mein Leben hat sich schon hauptsächlich ums Essen und um meine Zwänge gedreht. Was ich esse, wie ich es esse, und wann ich es esse. Ich hatte Angst, daß ich mit meinen Kontrollen zu lange brauche und mein Griesbrei schlecht wird. Dann wurde ich noch nervöser und mußte noch mehr kontrollieren, weil ich mich nicht konzentrieren konnte.
Wie ist es dazu gekommen, daß Du Magersucht bekommen hast?
Das weiß ich nicht mehr so genau. Das ist ja auch schon neun Jahre her. Am Anfang wollte ich einfach nur abnehmen. Ich glaube, jede Frau hat schon fünfzig Diäten hinter sich, aber normalerweise nimmt man am Ende halt wieder zu. Ich habe halt weitergemacht und weiter abgenommen.
Aber gab es nicht einen Zeitpunkt, wo Du gemerkt hast, daß Du magersüchtig bist?
Das bildet sich ganz langsam heraus. Ich habe einfach immer weiter abgenommen und irgendwann dachte ich dann, jetzt bin ich wohl magersüchtig.
Was hast Du Dir in diesem Moment gedacht?
Ich fand es richtig geil. Ich dachte, jetzt gehöre ich auch dazu. In meinem Bekanntenkreis gab es schon zwei Magersüchtige, und das bekommt man einfach mit, wenn man selber auf sein Gewicht schaut.
Wann haben Deine Eltern gemerkt, daß Du magersüchtig bist?
Mein Arzt hat mich in der Arbeit gesehen und gemerkt, daß ich so viel abgenommen hatte. Er hat dann bei meinen Eltern angerufen und wollte mich sprechen. Das hat meine Eltern schon gewundert, aber ich habe Ihnen gesagt, es geht um meine Allergiespritzen. Das haben sie zwar fürs erste geglaubt, aber dann hat es nicht mehr lange gedauert, und sie haben es rausgekriegt.
Wie haben Sie reagiert?
Sie haben das überhaupt nicht kapiert. Ich glaube, so richtig raffen sie es heute noch nicht, was mit mir los ist. Sie haben mich erst mal gezwungen, was zu essen und mich vor Ihnen auf die Waage zu stellen. Das hat aber garnichts gebracht, ich hab trotzdem weitergemacht. Und das Essen habe ich halt wieder rausgekotzt. Das war aber eine Ausnahme. Bei Magersucht geht es eher darum, erst garnichts zu essen. Das sieht man als Beweis von Willensstärke. Bei Bulimie ist das anders, deswegen haben Bulimikerinnen auch so ein gestörtes Selbstbewußtsein, weil sie ja ihrem Essensdrang nachgeben und sich nicht unter Kontrolle haben.
Hast Du Dich bemüht, deine Magersucht vor Deinen Eltern zu verheimlichen? Kannten Deine Eltern die Krankheit?
Eine Großtante meiner Mutter war magersüchtig. Die waren ziemlich reich, und sie wollte immer so dünn wie die armen Kinder sein. Beim Abendessen hat der Vater immer reihum das Essen ausgeteilt, wie das halt früher so war, und sie wollte halt nichts essen oder hat es in ihre Serviette gespuckt. Das habe ich z.B. auch gemacht, und ich habe weite Klamotten angezogen, daß man es nicht so sieht, und ich habe die Badezimmertür geölt, damit meine Eltern mich nicht nachts hören, wenn ich auf der Waage mein Abnehmen kontrolliert habe.
Haben Dich Freunde auf deine Magersucht angesprochen?
Ja, die gleichen, die mich vorher immer gehändselt habe, weil ich angeblich pummelig war. Ich habe das von mir abprallen lassen und mich insgeheim bestätigt gefühlt. Ich habe es als Leistungsbeweis gesehen. Wenn ich andere was essen gesehen habe, habe ich mir gedacht, freßt nur und geht auseinander wie ein Hefekuchen. Eine Bekannte hat mal gesagt: "Wenn ich dich sehe, wird mir schlecht", die dumme Kuh.
Wie lange hattest Du Magersucht oder bist Du immer noch magersüchtig?
Ich denke, ich bin immer noch magersüchtig, aber nicht mehr so schlimm wie noch vor ein paar Jahren.. Ich glaube, ich habe es so einigermaßen auf die Reihe gekriegt. Ich zwinge mich zumindest dazu.
Was kann man dagegen tun, wenn man es selbst bemerkt hat? Oder will man das überhaupt?
Das ist es ja. Du willst es eigetlich ändern, und dann halt doch wieder nicht. Also es kotzt dich schon an. Wenn man viel arbeitet, nervt das einen auch, und man denkt sich vielleicht, man will weniger arbeiten, aber es bringt halt Geld. Und die Magersucht bringt Bestätigung.
Aber gab es nicht einen Zeitpunkt, wo Du gedacht hast, daß das, was es Dir bringt, weniger zählt als das, worunter Du leidest?
Also körperlich ging es mir nie schlecht. Am Schluß war es halt so, daß die Leute im Fitneß-Studio gesagt haben, Du kannst kommen, aber dann sitzt Du nur am Tresen und nicht auf dem Stepper. Körperlich hatte ich nie Probleme. Man spürt ja auch nichts mehr, keinen Hunger, nichts. Aber in meinem Kopf drinnen, da gings drunter und drüber, nervlich habe ich das alles nicht mehr ausgehalten. Mich so in die Sache hineinzusteigern, überhaupt nicht mehr aufhören zu können. Gar nichts zuzulassen, keine Schwäche, kein Nachlassen, immer nur weiterzumachen. Wenn man sich das überlegt: Den ganzen Tag nichts essen, nur viereinhalb Stunden Schlaf und den ganzen Tag rumwerkeln wie eine Irre, daß das auf die Nerven geht, ist ja logisch.
Wie wurde Dir geholfen?
Hm, ich war in einer psychosomatischen Klinik, zehn Wochen stationäre Therapie, und da habe sie meinen Willen gebrochen. Also ich hab da auch meine Hilfsmittel gehabt, Süßstoff in der Zigarettenschachtel, Abführtee in der Körperpuderdose, Cola-light in der Thermoskanne und Kaugummi in der Bademanteltasche.
Was meinst Du mit Willen gebrochen?
Die haben mir nicht erlaubt, alles so zu machen, wie ich es wollte. Wenn ich z.B. radeln wollte und geheult habe, haben die Schwestern auf den großen Schrank im Schwesternzimmer gezeigt. Der war voll mit Tempos, und sie haben gesagt, die kannst du alle vollrotzen.
Wolltest Du Dir eigentlich helfen lassen?
Ich wollte schon, daß man mir hilft, aber ich wollte meine Gewohnheiten auch nicht aufgeben. Ich habe die Ärzte angefleht, daß ich was sportliches machen darf. Sie haben mir dann erlaubt, eine halbe Stunde am Tag seilzuspringen. Ich bin natürlich eine ganze Stunde gesprungen und hab mir dabei meinen Fuß aufgearbeitet. Geholfen hat mir die Klinik aber doch, weil sie mich gezwungen haben, meinen ganzen Macken, die ich hatte, nicht nachzugeben. Ich habe gedacht, wenn ich das alles nicht machen kann, dann dreh ich durch. Und das ich das alles nicht gemacht habe und trotzdem abends ins Bett gegangen bin und morgens aufgewacht bin, war eine ganz neue Erfahrung.
Siehst Du es nicht auch als Leistungsbeweis, daß Du das durchgehalten hast?
Schon, weil sie mich ja schon heimschicken wollten, weil ich nicht zugenommen habe. Ich wurde regelmäßig gewogen, und wenn ich auf drei Tage nicht 500g zugenommen habe, gabs die gelbe Karte. Oft habe ich dann in der Nacht vor dem Wiegen wie irre getrunken, um auf das Gewicht zu kommen. Aber ich wollte bleiben. Ich wollte nicht, das jemand sagen kann, die hat nicht mal die Therapie geschafft.
Wie lebt man mit Magersucht?
Naja, eigentlich ganz gut. Ich hab mich halt damit abgefunden. Ich kann nach meinen Therapien einfach besser mit meiner Magersucht umgehen und mit meinen Kontrollzwängen.
Wie lange dauert es, bis man wieder gesund ist?
Ich weiß nicht, so richtig normal wird man wahrscheinlich nie wieder. Aber es dreht sich bei mir halt nicht mehr alles ums Essen.
Hungrig-Online e.V.
Wir haben dieses Interview persönlich mit Julia geführt. Eine Verwendung dieses Interviews an anderer Stelle, auch in Auszügen, ohne vorherige ausdrückliche Genehmigung ist untersagt.
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Kommentare
ich als habe gerade dein Interview gelesen. Ich bin auch eine Betroffene und muss sagen, dass ich dieses Interview auch von mir hätte sein können - Ich finde es immer entlastend, wenn ich lese, dass andere genau die gleichen "abgefahrenen" Verhaltensweise n nebenbei entwickelt haben. Ich stehe kurz vor meiner ersten stationären Therapieerfahru ng und habe ziemliche Angst davor - gerade eben weil man seine Gewohnheiten auf der einen Seite aufgeben will und auf der anderen eigentlich nicht. Ich finde es schön, dass dir die Klinik helfen konnte - und hoffe ich kann das hinterher auch von mir behaupten. In welcher Klinik warst du?
ich war 11 wochen stationär in einer klinik
bin 13 Jahre alt und werde im juli 14
es ist nicht einfach aber versuche es zu schaffeN!!
ich bin 17 jahre alt und komme aus Ulm.
ich bin nicht magersüchtig , interessiere mich aber für die Beroffenen.Zusätzlich denke ich von mir ,dass ich gut zuhören kann und mich in andere Personen hineinversetzen kann. Ich würde mich freuen wenn ich mich mit euch austauschen könnte.
Außerdem mache ich eine Projektarbeit über das Thema. Vielleicht könnt ihr mir helfen ?!
Liebe grüße Frieda.
Ich selbst war auch magersüchtig...
Ich war erst gerade in stationärer Behandlung - jetzt folgt die Kontrollzeit...
Ich möchte einfach jedem hier raten, der selbst mit PA zu kämpfen hat: Leute, ihr müsst da nicht selbst raus kommen - holt euch HILFE!
im ernst, das beste Heilmittel für diese Krankheit ist Unterstützung... - Unterstützung von peoples die euch zu hören, euch verstehen, für euch da sind... meistens ist es sogar von grossem Vorteil, mit selbst daran erkrankten oder ehemaligen Magersüchtigen...
(Wenn ihr wolllt, könnt ihr euch Kontakt mit mir aufnehmen...)
Vielleicht verschafft es einigen Hoffnung:
man kann wieder ganz gesund werden...
Ich bin es... Ich kann mich wieder völlig normal Verhalten...
Meine Stimmung schwankt vielleicht ab und zu... aber das Leben um Essen und nicht-Essen, Kalorien, Gewicht... ist für mich vorbei...
Gemeinsam ist man stärker als allein!
lg eure Ju
ich habe möchte demnächst eine Facharbeit im Fach Psychologie zum Thema Magersucht schreiben und wäre sehr an einem Interview mit einer ehemaligen erkrankten interessiert. Wäre toll, wenn du Lust und Zeit dazu hättest!
LG
es ist aber schon 3 jahre her seit meinem stationären aufenthalt und mitlerweile kann ich mit meiner familie ganz normal fdrüber reden...
genau das gleiche, was hier ale beschrieben haben hatte ich auch und ich bin immernoch nicht geheilt und fühle mich auch manchmal unwohl... was mir aber immer wieder das gefühl gibt weiter gegen diese krankheit zukämpfen ist meine familie!
damals habe ich in der klinik eine famiientharapie gemacht. das war krass... habt ihr euch schonmal in eure familien reinversetzt?? DAS ist wirklich schlimm!!
Ich kann euch alle so gut verstehen. Bei mir es ein hoch und ein tief. Es kommen Tage an denen fühlst du dich gut und dann gibt es wiederum Tage an denn willst du nicht mehr! Ich denke mir immer Wenn du schon nicht das und das kannst dann kannst du wenigstens dünn sein! Aber dann schaffe ich es nicht und ich bin am boden zerstört.. Vllt hat ja jemand Lust das wir unsere Probleme gegenseitig austauschen!
im moment mache ich absolut keine bewegung mehr, das haben mir meine ltern verboten, aber körperlich bin ich auch echt am allerwertesten. alle möglichen symptome häufen sich bei mir, und ich glaube, dass deswegen meine regel nicht einsetzt.
an alle, die etwas an ihrem verhalten bemerken, dass in richtung essstörung weist, TUT ETWAS!
sie macht mehr kaputt, als ihr für möglich haltet.
morgen fängt meine stationäre therapie an und ich habe saumäßig schiss.....
aber ich will sie durchziehen!
lg sophie
Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hoffe, ihr holt euch Hilfe, bevor es zu spät ist.
LG Steffi.
ich hab mir dein Kommentar durchgelesen.. und ich finde deine Gedanken garnicht gut. Guck doch mal wie viele Mädchen darunter leiden und versuchen genau wie wir zu sein!! Und ich finde dein Gewicht überhaupt nicht viel es ist sehr gut!! Das du so denkst kann vielleicht von deinem alter kommen aber nimm dich in acht und versuch nicht Magersüchtig zu werden. Ich bin 18 Jahre alt, ab und zu denke ich auch, dass ich manchmal viel auf die Waage bringe aber wer ist schon perfekt?? Nimms mir nicht übel ist nur ein freundlicher Rat von mir =)
In der letzten woche hat sie schon fast 3 kg abgenommen!:O
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