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Ein Erfahrungsbericht

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Jetzt weiß ich gar nicht, wie ich anfangen soll, dabei wollte ich doch so eifrig meine Erfahrungen mit der Magersucht mitteilen für den Fall, dass es jemandem nutzen könnte. Am besten wähle ich den einfachsten Weg, stelle mich erst einmal vor und gehe dann der Reihenfolge nach.

Also, ich nenne mich hier mal kurz S., und ich bin jetzt fast 27 Jahre alt und habe gerade mein erstes Staatsexamen gemacht.

Ach, das klingt furchtbar förmlich, da fehlt mein Herzensanliegen, das mich eigentlich anregt, diesen Bericht zu schreiben! Denn wie schon so viele andere auch habe ich das Glück, aus meiner Sucht herausgekommen zu sein, und jetzt, da ich wieder weiß, wie man sich auch fühlen kann, oder besser: wie man überhaupt fühlen kann (denn ich habe die Magersucht hauptsächlich als eine Zeit innerer Kälte und Starre erlebt), möchte ich selbst nie wieder in einen solchen Zustand wie damals zurück und wünsche auch sonst niemandem, seine Lebensenergie und Zeit auf eine so selbstzerstörerische Art zu...verschwenden, möchte ich sagen, obwohl die Magersucht und jede andere essstörung sicher auch ein wichtiger Heilungsprozeß ist oder ein Umweg, der vielleicht von manchen einfach genommen werden muß. Aber ein Umweg ist es dennoch, und der kostet eben viel Leid, Energie, Gesundheit, kurz: viel Lebensfreude, die doch letztendlich das Ziel all unserer Anstrengungen sind, denn was immer man sich auch wünscht, ich glaube, es steckt der Wunsch nach Liebe, Wärme, Geborgenheit dahinter.

Das ist jedenfalls eine Erkenntnis, die ich in bezug auf mich selbst gewonnen habe und die mir damals sehr geholfen hat, aus dem Teufelskreis vom Buhlen nach Aufmerksamkeit und Liebe durch Hungern einerseits und Ablehnung jeglicher Hilfe andererseits (da ich ja hilfsbedürftig bleiben mußte, um weiterhin Aufmerksamkeit zu verdienen) herauszukommen. Denn ich habe an einem Punkt wirklich begriffen, dass ich Liebe und Wärme nur in mir selbst spüren kann, weil ich die Gefühle anderer nicht wahrnehmen kann, ebenso wenig wie ihre Gedanken lesen. Und dass ich deshalb nie nie nie ein Gefühl von Freude und Sättigung und Zufriedenheit spüren werde, wenn ich mir selbst nicht gönne, mir diese Gefühle zu geben oder sie mir von anderen geben zu lassen und in mir zuzulassen.

Das klingt alles natürlich ziemlich banal und selbstverständlich. Aber damals war diese Erkenntnis eine Offenbarung für mich, weil ich bis dahin noch gar nicht auf die Idee gekommen war, mein eigenes Glück, meine eigene Zufriedenheit und mein Wohlgefühl überhaupt als ein erstrebenswertes Ziel zu betrachten und zu empfinden.

So, nun aber doch ein bißchen Biographie, auch wenn ich nicht sicher bin, ob oder wozu das wichtig sein soll. Die eigene Biographie ist sicher wichtig, um die eigene Problematik als real und begründbar anerkennen zu können, aber ob meine für euch und eure Ermutigung hilfreich sein könnte, weiß ich nicht. Nun denn.

Ich bin bei meiner Mutter und mit meiner Schwester zusammen aufgewachsen. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich knapp ein Jahr alt war. Für meine Schwester, ich nenne sie L., war das sicher schlimmer als für mich, denn sie war damals 3 Jahre alt und hat die Trennung viel bewußter miterlebt und unter dem Verlust ihres Papas gelitten. Meine Mutter war daraufhin jahrelang depressiv; sie hatte damals von ihrem Psychologiestudium auf das Grundschullehramt umgesattelt, um meinen Vater möglichst schnell heiraten zu können und doch eine fertige Ausbildung in der Tasche zu haben. Nach der Scheidung fühlte sie sich total allein gelassen und mit dem anstrengenden Beruf und allein mit zwei Kindern total überfordert. Meine Großeltern waren ihr emotional leider auch keine große Hilfe, da sie Mama das Gefühl gaben, selbst an der Scheidung schuld zu sein. Mama hatte eine unheimliche Wut auf meinen Vater, aber sie hat auch noch sehr an ihm gehangen. Jedenfalls haben meine Eltern uns nie gegen einander aufgehetzt, wenn sie sich auch länger noch bei gelegentlichen Begegnungen in die Haare geraten sind. Papa hat uns weiterhin regelmäßig besucht, was, soweit ich mich erinnere, oft in Streit zwischen meinen Eltern, und Traurigkeit, wenn er wieder fuhr, endete. Später, als L. und ich alt genug waren, sind wir immer zu ihm zu Besuch gefahren. (Vorweg: Meine Eltern sind heute beide viel entspannter, kommen besser als früher mit sich selbst klar und verstehen sich ziemlich gut, wenn sie sich mal sehen oder telefonieren.)

Meine Schwester L. war die erste, die Magersucht bekam. Sie hatte schon als Kleinkind die Depression meiner Mutter genau mitbekommen, innerlich die Verantwortung dafür übernommen und versucht, Mama so weit es geht zu entlasten, sie bloß nicht zu bekümmern und außerdem noch mir die Mutterfunktion zu ersetzen, die Mama nicht genügend leisten konnte, weil sie im Grunde selbst so hilfsbedürftig, so enttäuscht und so wütend war. Meine Mutter hat damals, so mädchenhaft übermütig sie manchmal auch sein konnte, tatsächlich meistens ein sehr negatives und pessimistisches, gezwungenes und angestrengtes Gefühl ausgestrahlt, eine nicht gerade positive oder freudevolle Einstellung zum Leben. Sie hatte stets Schuldgefühle, keine „gute Mutter„ zu sein, gleichzeitig jedoch den trotzigen Wunsch, sich um sich selbst kümmern zu dürfen. Vielleicht hätte meine Schwester L. gar nicht magersüchtig werden müssen, wenn Mama eher angefangen hätte, ihre eigene Bedürftigkeit und ihre Trauer und Wut anzuerkennen. Denn ihre Angst, keine gute Mutter zu sein, und ihr daraus folgender, innerer Widerstand gegen diesen Anspruch waren vermutlich die einzigen Faktoren, die sie tatsächlich daran hinderten, uns eine gute, d.h. eine glückliche Mutter sein zu können.

Mein Vater war damals ein idealistischer Typ, der auch eine ziemlich selbstdarstellerische Art hatte zu zeigen, dass er unkonventionell und ungebunden sei. Das äußerte sich zum Beispiel darin, dass er uns Kinder viel gewähren ließ, keine Vorschriften machte und viel auf unsere Wünsche einging, was meine Mutter dann wieder ausbaden mußte, wenn wir wieder zu ihr nach Hause kamen und eine andere Freiheit - und auch ein ungezwungeneres, unbeschwerteres Lebensgefühl - bei ihm genossen hatten. In manchen Punkten ging er mit uns wie mit Erwachsenen um, wahrscheinlich wollte er uns ebenso wie jene ernst nehmen oder war einfach unsicher, weil er nicht so genau wußte, wie er mit uns umgehen könne oder dürfe, denn er sah uns ja nicht so häufig und hatte auch so seine Schuldgefühle, uns verlassen zu haben. Ich erinnere mich an zwei Ereignisse, bei denen er nicht „kindgerecht„ auf mich eingegangen ist und mich dadurch verletzt hat, obwohl er das nicht wollte. Das erste war an einem Geburtstag meiner Mutter. Ich schenkte ihr damals eines dieser Scherenmuster, wie sie zustande kommen, wenn man ein Blatt Papier faltet und an den Ecken kleine Figuren ausschneidet. Papa machte sich über mein Geschenk lustig, indem er lachend, den Dummen mimend bemerkte, dass man dieses löchrige Papier ja nicht einmal als Klopapier verwenden könne. Das andere Mal hat er mich auf einem Grundschulfest in einem Wettkampfspielchen, in dem ich gegen ihn angetreten war, nicht gewinnen lassen. Er wollte mir wohl nicht wie andere Eltern vorspielen, schwächer oder langsamer als das Kind zu sein. Ich wußte damals natürlich, dass er im Grunde stärker ist, aber dass er mich nicht wie andere Eltern hat gewinnen lassen, habe ich damals, glaube ich, unbewußt als persönlichen Angriff empfunden, so als habe er mir eins auswischen wollen. Aber ich meinte lange Zeit, ich müsse meinen Vater für seine Unkonventionalität bewundern und tat es auch und war stolz auf ihn. Erst viel später gestand ich mir ein, dass ich auch Wut auf ihn verspürte wegen der Fehler, die er, wenn auch mit gutem Willen, dennoch gemacht hatte. Wie zum Beispiel den, uns Kinder zugunsten seines eigenen Selbstbildes oder seiner eigenen Ideale nicht wie Kinder zu behandeln. Das resultierte auch darin, dass er schon früh sehr intellektuelle / tiefgreifende Gespräche über philosophische oder psychologische Themen mit uns geführt hat. Ich fand diese Gespräche immer sehr spannend und habe sie sehr genossen, teils für die geistige Anregung, teils für die Aufmerksamkeit, die Papa uns in diesen Gesprächen zukommen ließ und die ich immer dann als ganz persönlich empfand. Mir hat diese frühe Übung zu analysieren und geistig herumzuspinnen im weiteren Leben wahnsinnig viel gebracht und genützt und ich will sie auch nicht verdammen. Aber ich glaube, dass ich in jener Zeit den Trugschluß zog, dass ich durch intellektuelle Leistung besonders liebenswert würde, während ich mich meinem Vater gegenüber nie vertraut genug fühlte, beispielsweise das Kokettieren zu üben, wie es Mädchen sonst in Vater / Tochter - Beziehungen zu tun pflegen. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich später in der Pubertät nicht besonders viel Selbstbewußtsein als Frau hatte und mit der Magersucht meinem weiblichen Körper feindlich begegnete.

Soviel zur Vorgeschichte. Was mir ansonsten noch an Wichtigem einfällt, kann ich ja nachtragen. Aber wahrscheinlich war das schon viel zu ausführlich.

Meine Schwester entwickelte die Magersucht / wurde magersüchtig, als sie 12 und ich 10 Jahre alt war. Ich kann mich an die Entwicklung ihrer Krankheit nicht besonders gut erinnern, außer daran, dass sie plötzlich immer unglücklicher, stiller, aggressiver und mir sehr fremd wurde. So weiß ich zum Beispiel nicht mehr, ob der Weg in die Magersucht bei ihr über eine Diät verlief, was gut möglich ist, da L. im Gegensatz zu mir als Kind stets etwas pummelig war. L. und ich hatten ein sehr inniges Verhältnis, was sicherlich die Kehrseite hatte, dass sie sich für mich verantwortlich fühlte und wir uns auch stark miteinander identifizierten. So kam es, dass sie, wie es Magersüchtige häufig tun, mich mit all dem füttern wollte, was sie sich versagte. Immer brachte sie mir noch etwas zu essen, vorzugsweise Süßigkeiten, und da ich in dem Alter noch keine Angst vor dem Zunehmen hatte, nahm ich sie auch zunächst gern an und dachte mir nichts dabei. Erst als ich immer öfter erlebte, was für ein Drama losbrach, wenn ich einmal das Essen verweigerte, begann sich die Frage um das Essen zu einem Machtkampf auszuweiten. Denn ich hatte natürlich keinen Appetit auf etwas, das mir aufgezwungen werden sollte. Wenn ich das Essen aber ablehnte, verlangte L. Begründungen, nahm die Ablehnung persönlich (oder verhielt sich zumindest so, als täte sie es), wurde hysterisch und weinte und warf mir vor, ich liebte sie nicht mehr. Für mich war das ganz schrecklich, denn ich liebte sie wirklich mehr als jeden anderen Menschen, und meistens aß ich dann doch wie sie es wollte. Manchmal- oder eine Zeit lang, das weiß ich nicht mehr - „strafte„ sie mich auch mit Liebesentzug und Wut, wenn ich nicht „richtig„ aß, und wenn ich es dann doch tat, war alles wieder gut. Ich schwankte immer zwischen meinem Wunsch nach Kontakt zu ihr (denn diese Kämpfe ums Essen waren beinah die einzige Aufmerksamkeit, die sie der Außenwelt, in diesem Falle mir, noch zukommen ließ) und dem Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, meinen Stolz zu bewahren, usw. Meine Mutter mischte sich natürlich auch immer ein, weil sie mich vor L.s Erpressungen schützen wollte, und das vervollständigte das Chaos zu Hause. Schließlich kam L. für drei Monate in eine Klinik, in der die Magersüchtigen ein bestimmtes Gewicht erreichen und halten mußten und mit Einschränkungen bis zu Zimmerarrest sanktioniert wurden, wenn sie das nicht schafften. Nach drei Monaten brach L. die Therapie ab. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Jahre ihre Sucht noch akut andauerte, ich glaube ca. 5 Jahre (sie hatte ihren 13. Geburtstag in der Klinik verbracht). Was ihr unheimlich viel geholfen hat war das Theaterspielen, zu dem sie mit ca. 18 Jahren gefunden hat. Dort konnte sie ausprobieren, in neue Rollen zu schlüpfen und konnte darin Gefühle ausleben und wahrnehmen, die sie sich bisher nicht eingestanden hatte. Ich glaube, dass ein mehr spielerischer Umgang mit der Realität ganz klasse ist für Menschen, die unter einem Zwangsverhalten leiden. Sie können dort lernen, nicht alles so unheimlich ernst und tragisch zu nehmen, dem Leben mit weniger Angst und mehr Leichtigkeit und Spaß zu begegnen.

Heute hat L. wieder ein normales Gewicht und kann auch wieder frei und zwanglos mit dem Essen umgehen. Unser Verhältnis ist auch wieder völlig o.k. und entspannt, seit sie es geschafft hat, ihr Gefühl der Verantwortung für mich abzulegen, und seit ich selbst wieder normal esse. Denn in der Zeit, in der ich selber essstörungen hatte, mußte sie sich von mir distanzieren um sich selbst zu schützen, auch wenn sie natürlich immer wieder mit mir über das Thema redete und versuchte, mir zu helfen.

Bei mir traten die Symptome der Magersucht auf, nachdem ich mit meiner damaligen Freundin J. und deren Freund im Sommer in einem Jugendlager meine Ferien verbracht hatte. Wir waren damals mit knapp 16 Jahren die ältesten Teilnehmer und fühlten uns mehr den Betreuern zugehörig, die so 18, 19 Jahre alt waren. Die älteren Jungs beeindruckten uns natürlich wahnsinnig, und wir waren stolz, Anschluß bei ihnen gefunden zu haben. Na, ja, eigentlich hatte nur J. den Anschluß gefunden. Denn neben ihr, die damals schon total gut rumflirten und kokettieren konnte, fühlte ich mich als langweilige graue Maus und wurde immer verkrampfter, je niedriger mein Selbstbewußtsein sank. (Sie gestand mir damals einmal, dass sie sich manchmal neben mir wie das dumme Blondinchen fühlte, mit dem man wohl flirten, nicht aber vernünftig reden könnte. Auf eine solche Sicht wäre ich nie gekommen, und sie half mir langfristig auch nicht, meine Minderwertigkeitsgefühle zu überwinden.)

Direkt nach diesem Urlaub fuhr ich noch mit meiner Mutter für zwei Wochen an die Ostsee. In dieser Zeit wurde ich mir plötzlich auf einen Schlag völlig fremd. Ich hatte kein Gefühl mehr für mich, keine Interessen mehr, kein Wunsch nach Glück und Zufriedenheit, fühlte mich einfach nur innerlich starr und kalt. Und ich begann, mir selbst Regeln zu setzen. Zunächst wollte ich mal ausprobieren, kein Fleisch mehr zu essen. Zu jener Zeit boomte der Vegetarismus, und ich sagte mir, dass ich es mal ausprobieren müsse, um mich dazu äußern zu können. Ich bin bis heute dabei geblieben und bereue es auch nicht. Aber damals legte ich mir nach und nach noch weitere Beschränkungen und Pflichten auf, die ich heute gar nicht mehr alle auf die Reihe kriege, weil sie teilweise so absurd waren. Der Essensplan für den Tag wurde genau durchgeplant, damit ich auch ja nicht zuviel von einer Sorte Nährwert zu mir nähme. So mußte ich schon morgens überlegen, was es abends zu essen geben würde, um zu wissen, ob ich mir Käse zum Frühstück leisten könne. Um mir den Käse aber auch gönnen zu dürfen, mußten noch weitere Bedingungen erfüllt sein, wie z.B. die, dass ich ihn auch wirklich genieße, was wiederum nur möglich war, wenn das richtige Brot dazu gereicht wurde, wenn ich vorher etwas Süßes gegessen hätte, da „man„ ja schließlich nach etwas Süßem Lust auf Herzhaftes bekommt, und wenn ich außerdem noch Tomate dazu hätte, damit der Käse nicht zu trocken ist, und schließlich dass es guter Käse wäre und nicht irgendein Supermarktkäse, denn ich wollte ja nichts Überflüssiges essen, was den Essensakt zu einer unästhetisch animalischen Bedürfnisbefriedigung gemacht hätte. So paßte mein System immer entweder hinten oder vorne nicht, und ich bekam immer mehr Angst vor dem Essen, weil es soviel zu beachten und soviel falsch zu machen gab.

Außerdem wollte ich mich keinem banalen Zeitvertreib mehr hingeben, sondern mich stets mit „Sinnvollem„ beschäftigen. Das hatte den Haken, dass es so viele Kriterien gibt, nach denen etwas „sinnvoll„ sein kann. Wenn ich abends ausging, haßte ich mich dafür, nicht statt dessen ein gutes Buch gelesen zu haben. Wenn ich zu Hause blieb, um ein gutes Buch zu lesen, haßte ich mich dafür, als einzige dumme Kuh keine sozialen Kontakte hinzukriegen und statt dessen mit meinen Büchern die Intellektuelle zu spielen. Zumal das Buch, welches natürlich literarischen Anspruch haben mußte, mich dann nicht wirklich fesselte und ich mir eingestehen mußte, mein literarisches Interesse ja offensichtlich nur geheuchelt zu haben. Kurz, ich drehte und wendete es im nachhinein immer so, dass ich schlecht dabei weg kam und wieder Anlaß zum Selbsthaß fand. Ich wollte perfekt sein und konnte das nicht schaffen, weil ich immer verschiedene Seiten meines Verhaltens, meiner Entscheidungen betrachtete und mich endlos drehen und wenden konnte, ohne eine befriedigende, nach allen Seiten hin wasserdichte Lösung zu finden.

Heute weiß ich, dass ich damals meinen eigenen Gefühlen und Impulsen nicht vertraute. Die Aussicht, einen Fehler zu machen, muß etwas furchtbar Bedrohliches für mich gehabt haben. Und meinen Gefühlen zu folgen hätte vielleicht auch bedeutet, herauszufinden, wer ich wirklich bin. Ich hatte von mir das Bild, dass ich als fauler, Chips fressender Kloß vor dem Fernseher enden würde, wenn ich mich nicht total kontrollierte. Völlig absurd. Es war nur meine strenge Unterdrückung der als „schlecht„ verurteilten Bedürfnisse, welche sie um so stärker und dringlicher wirken ließen. Aus Angst vor meinen Gefühlen / Bedürfnissen versuchte ich immer mehr, meine Aktivitäten, meinen Essensplan und meine Zeiteinteilung mit dem Verstand zu regeln und zu kontrollieren. Und dabei kam mir, wie gesagt, das komplexe Denken selbst in die Quere, welches zu jedem Dafür auch ein Dagegen finden oder konstruieren konnte. Manchmal lief ich wirklich wie eine Wahnsinnige in völliger Verzweiflung zwischen der Bushaltestelle und meinem Haus hin und her, weil ich nicht entscheiden konnte (bzw. es nicht wagte) ob es besser sei zu fahren oder zu bleiben. Selbst die kleinen Wege und Gänge innerhalb der Wohnung wurden auf Effizienz hin geplant, und ich haßte mich dafür, wenn ich etwas im anderen Raum vergessen hatte und deshalb einen Gang zusätzlich machen mußte, denn das war ja Zeitverschwendung.

Wirklich schlimm war an diesem planerischen Denken die Starre. Das rigide Entweder-Oder-Denken (die „goldene Mitte„ ist ja bei den meisten Magersüchtigen auf allen Ebenen verpönt: Entweder ich bin Heilige oder fettes Arschloch; ich mache meine Arbeit gut, und wenn nicht bin ich eben ein Versager, scheiß auf den Versuch und die Mühe...) fühlte sich so schrecklich eckig, so kalt an. Ich stand in jener Zeit so neben mir und konnte deshalb in mir gar nichts spüren, weil ich mich immer von außen zu betrachten und zu beurteilen versuchte. Daher brauchte ich auch lange, um zu merken und mir einzugestehen, dass etwas nicht stimmt, dass ich ein Problem habe, denn da ich ja gar nichts fühlte, fühlte ich mich folglich auch nicht schlecht. Dachte ich jedenfalls. Außer wenn dann irgend etwas nicht so klappte, wie mein Plan es vorgesehen hatte, was sehr häufig vorkam, da mein Plan so lückenlos war, dass das Leben ihn unmöglich einhalten konnte. Der Plan ging eben gegen die Natur des Lebens. In diesen Fällen wurde ich ganz hysterisch und gab mir die Schuld dafür, dass mein Plan nicht optimal aufging, dass ich also meine Zeit nicht optimal nutzte. Was daran so schlimm sein soll, kann ich heute gar nicht mehr nachvollziehen und hätte ich wohl auch damals nicht erklären können. Für mich war es einfach jedes Mal ein weiterer Beweis dafür, wie „scheiße„ ich bin bzw. zu sein glaubte. Wahrscheinlich hatte ich einfach Angst vor Lücken, in denen ich mir selbst hätte begegnen können. Oder vor der großen Leere in mir. Oder auch vor einer vergrabenen Trauer oder auch Impulsen wie Lebenslust und Sexualität. Weil ich all dies verdrängte, meine Gefühle verdrängte, hielt ich mich selbst für „hohl„, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne (dumm, geistlos). Eine Tagebuchstelle aus jener Zeit lautet:

"Ich habe es heute mal wieder deutlich zu spüren und zu verstehen bekommen: Ich bin hohl. Ich bin das, was übrig bleibt, wenn man alle Qualitäten und Merkmal wegnimmt. Ich habe keine Meinung, keinen Willen und kein Gefühl. Und ich drücke garantiert immer das Gegenteil aus von dem, was ich sagen oder zu erreichen wollen glaube... z.B. jetzt wieder, indem ich jeden Satz mit „Ich„ anfange. So bin ich selber an meiner Situation schuld, denn meine Umwelt reagiert nur auf das, was ich unbewußt vermitteln will. Es gibt keinen Ausweg: Ich werde immer alle mit meinem Nicht-Wissen und Nicht-Wollen nerven, und es wird immer schlimmer, je mehr ich versuche, es nicht zu tun. Alles wird immer schlimmer, je mehr ich es zu ändern versuche. Es gibt also nur die Alternativen: Umsonst zu kämpfen oder aufzugeben. Und meine geplagten Mitmenschen hören nicht auf, mich zu drangsalieren und eine Antwort zu verlangen. Aber wo nichts ist, kann ich auch nichts herholen... kann nicht aus einem leeren Brunnen schöpfen. Warum also, warum läßt man mich nicht endlich in Frieden? Es tut mir ja selbst so schrecklich leid, aber ich kann einfach nicht mehr. Ich nehme mir jetzt für`s nächste Jahr vor, um der anderen willen mich zukünftig in egal was für Situationen schnell für eine Seite zu entscheiden und dann dabei zu bleiben, egal für was, es spielt für mich ja doch keine Rolle, bis ich mich entschieden habe. Dann werde ich vielleicht endlich in Frieden gelassen. Ich weiß selbst, was für’n kindisches Zeug ich hier hinkrickele. Und ich weiß jetzt schon, dass ich noch nicht einmal den Vorsatz, mir künftig keine Hoffnung mehr auf eigene, richtige Entscheidungen, auf einen Charakter zu machen, werde halten können. Denn in einem Faß ohne Boden, in einem in die Landschaft geschnittenes Loch kann selbst Hoffnungslosigkeit nicht Fuß fassen, obwohl sie nur eine Negation ist. Ich bin selbst nur eine Negation. Und da all dies total lächerlich und pubertär ist, bin ich nicht einmal dies."

Überhaupt glaube ich, dass Magersüchtige oft einen ganz starken Drang nach Leben und eine ganz große Lust nach Genuß haben (was beides superschön und lebendig ist), welche sie um so heftiger / strenger unterdrücken zu müssen glauben, da ihre eigene Stärke und Kraft ihnen Angst machen. Zumindest habe ich das an vielen Magersüchtigen, die ich kennengelernt habe, und auch an mir selbst beobachtet.

Wahrscheinlich interessiert an diesem Punkt nun schon so langsam, wie ich denn wieder herausgekommen bin aus meiner Magersucht, denn die Grundzüge des Verlaufs und was an meinem Verhalten zwanghaft war habe ich eigentlich im wesentlichen schon geschildert. Was vielleicht noch zu bemerken wäre ist der Grund, weshalb sich der Teufelskreis so lange aufrecht gehalten hat. Das habe ich aber auch in der Einleitung schon erwähnt. Ich habe einfach das Glück nicht als Gefühl in mir, sondern als etwas von außen, von anderen an mich Herangetragenes betrachtet und ersehnt. Aber selbst wenn Liebe, Zuwendung und schöne Dinge von außen herangetragen werden, kann Glück nur im Inneren entstehen, indem es zugelassen und gefühlt, erlebt und gelebt wird. Glücklichsein ist vor allem ein Entschluß und ein Wille.

Das begriff ich selbst erst, als sich viele von mir abgewendet haben und / oder mir mit Aggressivität begegneten. Meine Mutter konnte manchmal gar nicht anders als aggressiv reagieren, denn sie wollte nach dem ganzen Stress mit der Magersucht meiner Schwester, ja nach all dem Stress der vergangenen Jahre, in denen sie uns allein aufziehen mußte, sich endlich mal um sich kümmern dürfen. Meine Schwester versuchte immer mal wieder, mir zu helfen, sie kannte ja die Krankheit und verstand die Symptome und das Denken dahinter; aber sie befand sich selbst noch in einem Prozess, in dem sie versuchte und übte, sich von der Verantwortung zu befreien, die sie seit jeher für mich empfunden hat, und ging daher auf Distanz, auch räumlich, denn sie bezog in dieser Zeit eine eigene Wohnung.

Ich empfand es aber auch, sosehr ich eigentlich meine Sonderrolle und meine Härte mir selbst gegenüber geachtet und bewundert wissen wollte, als eine Qual, mich gegen die gut gemeinten Ratschläge oder gar Vorwürfe der Familie wehren zu müssen. Immer diese Kontrolle beim Essen, diese ständigen Einmischungsversuche in etwas, was die anderen gar nichts anging! Eine Seite von mir wollte diese Beachtung natürlich haben, wollte auch die Nahrung, die man mir aufdrängen wollte. Manchmal ließ ich mich auch dazu überreden, mehr zu essen, denn dann trug ich ja wenigstens nicht die Schuld an meiner Entscheidung. Nach dem Essen sah ich das dann allerdings anders, dann verurteilte ich mich dafür, so schwach gewesen zu sein, nachgegeben zu haben. Essen wurde ein totaler Stress: Ein Bissen entschied schon über Zuviel oder Zuwenig, es mußte besonders gut schmecken und ich mußte auch ganz viel Hunger haben, damit ich mein Essen vor mir rechtfertigen konnte, denn ich wollte ja nur gerade soviel essen, wie zum Stillen des gröbsten Hungers notwendig sei. Dadurch wurden die Mahlzeiten immer kleiner und die Abstände dazwischen immer größer, mein Magen wurde immer kleiner. Ich aß aber während der ganzen Zeit regelmäßig und reduzierte meine Nahrung auch nur auf ein für Magersüchtige noch recht moderates bzw. großzügiges Maß, nur aß ich eben sehr gewählt und ziemlich wenig.

Natürlich vermied ich wie die meisten Magersüchtigen auch, von meiner Mutter nackt gesehen zu werden, weil es dann immer Streit gab und ich ihre kontrollierenden, prüfenden Blicke als widerlich empfand. Und wenn ich auf ihre „Übergriffe„ hysterisch reagierte, war das für sie nur ein Zeichen dafür, wie krank ich bin. Am schlimmsten war eigentlich diese Unsicherheit über die Frage, wer nun eigentlich den Schuß hat, nicht ganz richtig im Kopf ist, an falscher Wahrnehmung leidet: sie (also meine Mutter und meine Schwester) oder ich. Und es fällt so schwer, den anderen zu vertrauen, dass sie einen nicht über’s Ohr hauen und mästen, sondern nur gesund und glücklich sehen wollen, aus Liebe. Ich hatte immer Angst, dass sie mich nur gesund sehen wollen, um sich nicht mehr um mich kümmern zu müssen. Und bei meiner Mutter spielten solche Gründe auch tatsächlich mit hinein, aber das ist gar nicht schlimm, denn geliebt hat sie mich trotzdem und wird es immer tun. Was mir fehlte, war der Wille, völlig unabhängig von der Liebe anderer glücklich zu sein. Natürlich glaubte ich mich unabhängig, aber in Wahrheit hungerte ich weiter, weil ich glaubte, ohne den Bonus des Opfers nichts Liebenswertes mehr an mir zu haben. Und als stinknormales Durchschnittsmädchen wollte ich mir auch nicht gönnen, glücklich zu sein, als solches konnte ich mich nur hassen und mir Nahrung und Freude versagen (wonach ich gleichzeitig natürlich ein ganz großes Verlangen hatte, irgendwo tief in mir).

Meine Freundinnen waren übrigens großartig: Ihnen muß ich damals mit meiner gezwungenen und verkrampften Art ganz schön auf die Nerven gegangen sein, aber sie zeigten viel Geduld und Ausdauer. Das beste aber, was sie in jener Zeit an Reaktion zeigten, war, dass sie mir den Konjunktiv verboten. Ich pflegte damals aus Angst jede Entscheidung vorher genau abzuwägen und vor allem im Nachhinein mit viel Gegrübel über die Frage, was statt dessen vielleicht doch besser gewesen wäre, als falsch zu verurteilen. Als wir einmal zu fünft für 10 Tage auf eine Radtour fuhren, sagten meine Freundinnen mir vorher, dass ich während dieser 10 Tage nicht im Konjunktiv sprechen (also nichts abwägen oder im Nachhinein bemängeln) dürfe. Diese Sprachtherapie hat bereits geholfen, auch im Inneren etwas bei mir zu bewirken, weil sie mir vielleicht geholfen hat, die Absurdität meines Verhaltens zu sehen und mit Humor zu betrachten.

So haben mir überhaupt die ganz praktischen Tips für handfeste Alltagshandlungen mehr geholfen, wieder entspannter und impulsiver und mit mehr Selbstbejahung durch das Leben zu gehen, als jede Analysiererei für mich selbst oder in der Gesprächstherapie. Denn mein Problem durchschaut hatte ich ja eigentlich schon. In „lichten Momenten„ sah ich auch, wie irrational und selbstzerstörerisch mein Verhalten war. Aber diese Einsicht wurde immer wieder schnell abgelöst von der Ansicht, dass ich „ganz normal„ esse, nur eben „gesundheitsbewußt„, dass ich eine „gesunde Selbstdisziplin„ habe und eigentlich noch viel strenger mit mir sein könnte und dass all jene, die mir angeblich helfen wollen, einfach kein Gefühl mehr dafür haben was genug ist und was zuviel. Was mir fehlte, war Vertrauen in meine eigenen Urteile, mein eigenes Empfinden. Vielleicht steckte die Angst dahinter, in ein Monster zu mutieren, wenn ich meinen Bedürfnissen folgte; oder auch einfach eine Angst vor Haltlosigkeit, vor der Willkür des Gefühls, vor Strukturlosigkeit. Und das Komische ist, dass ich gerade durch den Versuch, in rigiden Strukturen, Essensplänen und Disziplin Halt zu finden, scheiterte, weil sich bei rationalem Abwägen immer auch Kontrapunkte und Argumente für das jeweilige Gegenteil finden lassen. Was tatsächlich Halt und Sicherheit gibt in dem Dschungel der willkürlich gewordenen Werte und Ansichten ist die Gewißheit des eigenen Gefühls. Und die eigenen Gefühle wahrzunehmen erfordert Mut.

Ich habe mich immer mit viel Angst an meinen Verstand geklammert, weil ich glaubte, kein Gefühl zu haben, das mir den Weg weisen könne. Aber ich hatte es nur deshalb nicht, weil ich mangels Vertrauen nicht gewagt habe, es wahrzunehmen. Und als ich irgendwann das Risiko einging, mich auf mein inneres Chaos einzulassen, stellte ich nach und nach fest, dass genau darin die Sicherheit liegt.

Es gibt einen Spruch, der sinngemäß ungefähr Folgendes aussagt: „Der einzige unwandelbare / sichere Punkt im Universum liegt in dir selbst.„ Diese Erfahrung konnte ich durch einen erneuten Zugang zu meinen Gefühlen erleben, und der wiederum wurde mir nur durch ein bewußteres Erleben meiner körperlichen Empfindungen möglich. Irgendwann, als ich merkte, dass ich mit der Gesprächstherapie nicht weiterkam, da ja der Kopf selbst das Hauptproblem war (wie oft stellte ich mir damals genüßlich vor, ihn abschlagen zu können, damit das verdammte Denken aufhören würde), beschloß ich, sie abzubrechen und eine mehr körperbezogene Therapie zu machen. Im Rahmen dieser Therapie lernte ich zu beobachten, wie mein Körper mit Anspannungen, Gleichgewichtsverlust, Atemrhythmus usw. auf innere Vorgänge reagiert und wie umgekehrt auch mein inneres Empfinden sich durch Körperhaltung, Atmung, Entspannung usw. verändern läßt. Dadurch gewann ich wieder mehr Achtung und Respekt für meinen Körper und lernte wieder, ihn überhaupt als Teil von mir zu empfinden und auch seine Botschaften (und nicht nur die des Verstandes, den ich bis dahin als vom Körper getrennt und ihm überlegen betrachtet hatte) ernst zu nehmen. Irgendwie sind Körperempfindungen und Emotionen eng miteinander verknüpft, und es ist wohl kein Zufall, dass Magersüchtige meistens beides gleichermaßen ablehnen. Ich habe mal gehört, dass eine (dynamische) Körpertherapie, oder überhaupt körperliche Betätigung, das beste Mittel sei, um Gefühlsblockaden zu lösen.

Außerdem hat mir der Umzug von zu Hause weg sehr gut getan, glaube ich. Vielleicht habe ich ja teilweise meiner Mutter demonstrativ vorgehungert und hatte deshalb, fern von ihr, keine rechte Motivation mehr dazu. Vor allem aber half mir meine neue Wohnsituation, innerlich gelassener zu werden, weil ich meinen Mitbewohnerinnen (ich zog damals in ein Studentinnenwohnheim und teilte mir mit sieben Frauen eine Etage, also Küche und Bad) nicht so einfach meine hysterischen Wutanfälle zumuten konnte. In jener Zeit begann ich aber nicht nur aus dem Situationsdruck heraus, sondern auch ganz bewußt, als Eigentherapie sozusagen, mehr innere Gelassenheit und positives Denken zu üben. Meine Entscheidungen mehr von der positiven Seite zu betrachten, sie stehen zu lassen, anstatt sie als falsch zu verurteilen, nur weil ich es war, die sie gefällt hatte. Dadurch nahm auch meine Angst vor Entscheidungen ab, und ich konnte nach und nach wieder wahrnehmen, was ich eigentlich möchte, wohin es mich drängt. Natürlich klappte das alles nicht von heute auf morgen, und ich habe auch heute noch manchmal Entscheidungsprobleme oder weiß nicht immer, was ich selber möchte und wo ich mich vielleicht zu sehr beeinflussen lasse. Aber diese Probleme bewegen sich nun in einem normalen Rahmen und sind vor allem nicht mehr mit so viel Angst, so viel Panik verbunden. Früher schien von einer Entscheidung immer die Welt abzuhängen, weil ich sie bzw. ihren Ausgang mit einem Urteil über mich als gesamte Person verband. Und ich habe mich auch damals nicht getraut, mich weniger streng und kritisch zu behandeln, weil ich fürchtete, dann zu verweichlichen und zu verrohen und egoistisch, trampelig und plump zu werden. Komischerweise erreichte ich mit meinem Bestreben, moralisch unanfechtbar zu sein (was ich mir selbst damals schon als überheblich ankreidete), genau das, was ich vermeiden wollte: Ich kreiste nur um mich selbst und die Frage nach dem richtigen Essen und der richtigen Zeitplanung, nahm andere Menschen gar nicht mehr wirklich wahr und schaffte es, unbewußt alle nach meinem Plan tanzen zu lassen. Daher warfen mir auch einige - berechtigterweise, wie ich heute sehe - vor, mich egoistisch zu verhalten, was ich damals als besonders verletzend empfand, da ich doch scheinbar mit nichts anderem als dem Versuch, es allen Recht zu machen, beschäftigt war. Das Gefühl, das mich damals beherrschte war, immer irgendwie falsch zu sein, was ich auch versuchte, wie ich es auch drehte und wendete. Ich verstand nicht, dass man von mir im Grunde nichts anderes verlangte, als dass ich mich in das Gefühl und die Gewißheit fallen ließe, o.k. zu sein.

Und da fällt mir noch etwas ein, was mir den Umgang mit meinen Stimmungen damals so schwer machte: Ebenso wie ich Halt und Sicherheit nicht in meinem Gefühl, sondern in äußerlich abwägbaren Kriterien und Strukturen suchte, glaubte ich, durch Konstanz des Verhaltens und durch Prinzipientreue mir selbst näher zu kommen, mich besser verstehen zu können, anstatt zu akzeptieren, dass Schwankungen des Gefühls und der Ansichten zu meinem Selbst gehören und nicht verachtenswert sind. dass meine von mir so beurteilte Wankelmütigkeit und Inkonsequenz auch als Vielfältigkeit betrachtet werden kann. dass ich nicht der Partytyp oder der Bücherwurm bin, oder der Vielfraß oder der Asket, sondern dass ich eben von allem etwas habe und jeden Tag einen anderen Teil von mir lebe.

Es folgte eine Phase (während der ersten Semester und Jahre meines Studiums), in der ich zwar wieder normale Mengen, aber immer noch sehr kontrolliert aß. Ich glaubte damals, tatsächlich den Wunsch zu haben, zuzunehmen, unbewußt hatte ich aber immer noch Angst davor, so dass ich - natürlich auch wegen des umgestellten Stoffwechsels, der mir das Zunehmen erschwerte - über ein bestimmtes Gesicht nicht hinaus kam.

Diese unbewußte Kontrolle erstreckte sich auch auf andere Bereiche wie z.B. den des Zeitmanagements, auf meinen Ehrgeiz im Studium, etc. Aber ich war schon „weicher„ geworden, war nicht mehr ganz so perfektionistisch und bekam nicht mehr ganz so schnell Selbsthaßattacken. Übrigens habe ich mir nie wirklich etwas angetan, meine Spezialität war lediglich, mir irgend etwas vor den Kopf zu hauen, aber nie so heftig, dass es ernsthafte Verletzungen gegeben hätte. Auch für diese „Schwäche„ verachtete ich mich, dabei war dieser Selbstschutz damals fast die einzige gesunde Regung, die ich noch hatte. Abgesehen von Gefühlen der Trauer, Wut oder Liebe für andere, die dann doch ab und zu durchkamen. Meine Mutter brauchte eine Weile, um zu erkennen und zu glauben, dass ich mich tatsächlich verändert hatte. Sie sah mich ja nur, wenn ich bei ihr zu Besuch war, und dann war ich meistens nicht so locker und gut gelaunt wie ich es mit meinen Freundinnen mittlerweile wieder sein konnte. Sie glaubte immer noch, dass ich all den mir selbst auferlegten Zwängen unterworfen sei und stempelte jede Eigenart von mir, die ihr fremd war, als psychische Macke ab - z.B. wenn ich keine Lust auf Fernsehen hatte oder gerade nichts Süßes essen wollte. Aber nach und nach merkte auch sie, dass ich wieder lebendiger und spontaner wurde, mir wieder zu genießen erlaubte und dadurch auch selbst wieder genießbarer wurde. ;-)

Man hielt mir aber zwischendurch immer wieder mein immer noch geringes Gewicht vor. Ich schob es dann auf die Umstellung des Körpers, die schlechte Futterverwertung, etc. Erst als sogar ein Mitbewohner von mir (ich wohnte und wohne inzwischen in einer WG) massiven Druck machte und mir ohne weitere Diskussionen Schokoriegel verordnete (was ich mir von meiner Mutter oder Schwester nie hätte gefallen lassen), begann ich einzusehen, dass ich immer noch Angst vor bestimmten Nahrungsmitteln und dem Zunehmen hatte. Die erste Reaktion drohte wieder eine „Entweder-Oder-Reaktion„ zu werden, nämlich die trotzige (innere) Antwort: „Gut, dann esse ich eben alles, was ihr wollt, und wie es mir dabei geht ist ja sowieso egal.„ Zu solch einer überangepassten Selbstverleugnung neige ich heute manchmal noch; ich glaube, sie stellt den Versuch dar, den anderen indirekt zu bestrafen, indem ich es zulasse, dass sein Verhalten mir Schaden zufügt. Aber das bringt natürlich niemandem etwas.

Zum Glück war ich mittlerweile weit genug, dies zu erkennen, und damit meine „Schokoriegel-Kur„ nicht nur wieder eine Selbstbestrafung würde, entschloß ich mich noch zu einer weiteren Therapie, in der ich herausfinden wollte, wie sehr ich vielleicht doch noch in dem magersüchtigen Verhalten verstrickt sei. Ein weiteres Motiv zu meinem Entschluß war die Erkenntnis, dass ich mich immer noch nicht wirklich auf mein unmittelbares Erleben und Empfinden einlassen konnte, dass ich immer irgendwie neben mir stand, als beobachtender Kontrolleur sozusagen, und dass mir dadurch die Lebendigkeit des Gefühls, die wirkliche Anteilnahme am Geschehen, am Hier und Jetzt, verwehrt war.

Ich begann also eine Gestaltherapie, die ich etwas über ein Jahr durchzog und die mir sehr gut getan hat. Sie half mir zu erkennen, wie sehr fremdbestimmt ich noch war durch (vermeintliche) Erwartungen von außen, durch Ängste und Skrupel und Mißtrauen meiner Wahrnehmung und meinem Gefühl gegenüber. Diese Fremdbestimmung nach und nach abzubauen habe ich als eine riesige Befreiung erlebt - ich war ganz überwältigt davon, wie bunt und vielfältig und weit sich das Leben anfühlen kann!

So, nun bin ich ans Ende meiner Erzählung gekommen. Ich bin mir immer noch oft unsicher über die Frage, wie sehr ich mich von den Erwartungen anderer leiten lasse, welche meiner Interessen echte Neigungen von mir sind und welchen ich aus Pflichtgefühl folge. Auch habe ich manchmal noch Schwierigkeiten damit, Zeit einfach nur mit Wahrnehmen und Meditation zu verbringen, dabei merke ich zwischendurch immer wieder, dass dies tatsächlich notwendig ist und ich meine Gefühle viel zu sehr im Alltagstrubel untergehen lasse. Aber das alles hält sich in einem ganz gesunden Rahmen, und mein Gewicht und meine Ernährung haben sich auch auf ein Maß eingependelt, mit dem ich mich gesund und wohl fühle: Ich achte auf gesunde Ernährung, habe aber keine Angst mehr vor Zucker und esse auch häufiger etwas Süßes, auch „ungesunden„ raffinierten Zucker. Vor allem aber fühle ich wieder die Freude am Leben und am Lebendigsein, achte meine Bedürfnisse und habe ein liebevolles Verständnis für meine Fehler. Humor ist alles! Das Leben leichter nehmen!

Und sich selbst achten, ohne sich dabei tierisch ernst zu nehmen! Dabei hat mir übrigens auch das Theaterspielen viel geholfen. Deshalb möchte ich als abschließenden Rat gern den Tip geben, mal etwas Körperbezogenes, Spielerisches (Bewegung, Tanz, Theater) auszuprobieren, aber ohne Leistungsdruck, vielleicht auch erst einmal sanfte Körperwahrnehmung, und die Impulse des Körpers und des Gefühls zuzulassen und zu akzeptieren, einfach erst einmal wahrzunehmen. Aus eigener Erfahrung bin ich sicher, dass auch in euch viel viel mehr an Freude, Pioniergeist und Lebendigkeit steckt, als ihr zur Zeit vielleicht ahnen mögt!

Herzliche Grüße, S.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 27. Juni 2010 um 13:48 Uhr  

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