Magersucht-Online

Informationen zu Magersucht - von Betroffenen für Betroffene

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Home Berichte Betroffener Ein Erfahrungsbericht

Ein Erfahrungsbericht

E-Mail Drucken PDF
Benutzerbewertung: / 64
SchwachPerfekt 
Beitragsseiten
Ein Erfahrungsbericht
Biographie
Meine Schwester
Meine Symptome
Tagebuch
Freundinnen
Umzug
Kontrolle
Alle Seiten

Jetzt weiß ich gar nicht, wie ich anfangen soll, dabei wollte ich doch so eifrig meine Erfahrungen mit der Magersucht mitteilen für den Fall, dass es jemandem nutzen könnte. Am besten wähle ich den einfachsten Weg, stelle mich erst einmal vor und gehe dann der Reihenfolge nach.

Also, ich nenne mich hier mal kurz S., und ich bin jetzt fast 27 Jahre alt und habe gerade mein erstes Staatsexamen gemacht.

Ach, das klingt furchtbar förmlich, da fehlt mein Herzensanliegen, das mich eigentlich anregt, diesen Bericht zu schreiben! Denn wie schon so viele andere auch habe ich das Glück, aus meiner Sucht herausgekommen zu sein, und jetzt, da ich wieder weiß, wie man sich auch fühlen kann, oder besser: wie man überhaupt fühlen kann (denn ich habe die Magersucht hauptsächlich als eine Zeit innerer Kälte und Starre erlebt), möchte ich selbst nie wieder in einen solchen Zustand wie damals zurück und wünsche auch sonst niemandem, seine Lebensenergie und Zeit auf eine so selbstzerstörerische Art zu...verschwenden, möchte ich sagen, obwohl die Magersucht und jede andere essstörung sicher auch ein wichtiger Heilungsprozeß ist oder ein Umweg, der vielleicht von manchen einfach genommen werden muß. Aber ein Umweg ist es dennoch, und der kostet eben viel Leid, Energie, Gesundheit, kurz: viel Lebensfreude, die doch letztendlich das Ziel all unserer Anstrengungen sind, denn was immer man sich auch wünscht, ich glaube, es steckt der Wunsch nach Liebe, Wärme, Geborgenheit dahinter.

Das ist jedenfalls eine Erkenntnis, die ich in bezug auf mich selbst gewonnen habe und die mir damals sehr geholfen hat, aus dem Teufelskreis vom Buhlen nach Aufmerksamkeit und Liebe durch Hungern einerseits und Ablehnung jeglicher Hilfe andererseits (da ich ja hilfsbedürftig bleiben mußte, um weiterhin Aufmerksamkeit zu verdienen) herauszukommen. Denn ich habe an einem Punkt wirklich begriffen, dass ich Liebe und Wärme nur in mir selbst spüren kann, weil ich die Gefühle anderer nicht wahrnehmen kann, ebenso wenig wie ihre Gedanken lesen. Und dass ich deshalb nie nie nie ein Gefühl von Freude und Sättigung und Zufriedenheit spüren werde, wenn ich mir selbst nicht gönne, mir diese Gefühle zu geben oder sie mir von anderen geben zu lassen und in mir zuzulassen.


Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 10. April 2011 um 12:36 Uhr  

Kommentare  

 
+2 # 123 2010-09-16 20:16
Liebe S.,

vielen herzlichen Dank für deinen sehr offenen, ausführlichen und persönlichen Erfahrungsberic ht! Ich habe eine magersüchtige Tochter und suche deshalb das Internet (und andere Quellen) nach Informationen und Hilfe ab. Dein Erfahrungsberic ht hat mit sehr geholfen, mehr zu verstehen, was in meiner Tochter vorgehen mag und wie schwer ihr alles fällt. Vielen, vielen Dank und dir alles, alles Gute!

Herzliche Grüße, K.
Antworten
 
 
+1 # x.x. 2010-09-24 08:08
Hi,
habe gerade deinen Erfahrungsberic ht gelesen. Ich habe selbst seit ca. 1 Jahr Magersucht, durchforste das Internet nach Berichten von Menschen denen es (leider) auch so geht bzw ergangen ist. Manche Textstellen könnten von mir geschrieben sein, sie beschreiben genau mein Befinden. Auch wenn es seltsam und egoistisch klingen mag, es beruhigt und stärkt einen solche Texte zu lesen, da man feststellt dass man nicht der/die Einzige ist und das es, auch wenn es mir oft nicht machbar erscheint, einen Weg aus der Magersucht gibt.
Liebe Grüße X.
Antworten
 
 
0 # Marina 2010-09-28 19:15
Hey S.!
Ich kann mich nur anschließen an den Dank für deinen ehrlichen Bericht. Eine gute Freundin von mir ist magersüchtig und ich versuche, mich ein bisschen in ihre Gedankengänge hineinzuversetz en, was aber oft ganz schön schwierig ist. Dein Text hat mir da sehr geholfen, danke!
Ich wünsche dir alles Gute für die nächste Zeit!
Liebe Grüße, Marina
Antworten
 
 
+1 # Sara 2010-10-04 15:20
Du hast mir aus der Seele gesprochen..Ich bin noch gaaanz am Anfang... Ich fange Ende des Monats eine Therapie in einer Tagesklinik an und hoffe, dass ich wieder glücklich sein kann...
Antworten
 
 
+2 # groni2010 2010-12-08 21:20
Wahnsinn...du schreibst, wie ich lebe und denke und gibst mir Hoffnung, mein Leben in den Griff zu bekommen. Ich möchte dich gerne als Vorbild nehmen. Meine "Leidensgeschich te" geht nun auch schon seit ca. 10 Jahren. Das Verhältnis zu deiner Mutter usw.. all das kommt mir so nahe vor. Zwanghaftes perfektionistis ches Denken usw.. ich kann dich sehr gut verstehen.
Wie geht es dir heute?
Ich habe eine stationäre Therapie für mich beantragt, weil ich alleine aus meinem Hamsterrad nicht herauskomme. Aber auch das eigene Denken und Handeln muss sich ändern. Vom Verstand ist mir das alles klar. Ich schaffe nur nicht die Umsetzung. Meine "Freundin" die Magersucht ist alt sehr anhänglich. Du kennst das sicher nur zu gut.

Über einen Kontakt zu dir würde ich mich sehr freuen.
Antworten
 
 
0 # Lucinde 2010-12-19 19:49
Wunderbar Dein Bericht und große Hochachtung, was Du selbst geleistet hast! und wie Du Deine Situation reflektieren kannst.
Du war nie in einer Klinik?
Antworten
 
 
+1 # Kiddo 2011-03-06 19:00
Liebe S.,

vielen, vielen Dank für deinen mehr als offenen Bericht.
Es ist für mich eine unglaubliche Stütze zu lesen, was ich selbst oft fühle, aber nicht ausdrücken kann.
Ich wünsche dir, dass du dein Leben weiterhin so stark, bunt, schön und vielfältig genießen kannst, wie ich es hoffentlich auch bald werde.

Alles Liebe und Gute, V.

Die einzige Angst im Leben die man haben sollte ist die,
dass man nie richtig anfangen wird zu leben.
Antworten
 
 
0 # Sophel 2011-07-19 11:41
Hallo S.,
ich bin beeindruckt wieviel deiner Erzählungen mit meiner Geschichte übereinstimmen. Ich bin seit 1,5 Jahren magersüchtig und befinde mich grad in meiner 2. Therapie. Ich hab schon einiges für mich herausgefunden aber deine Berichte und Erfahrungen haben mich nochmal etwas motiviert und mir sogar ein paar kleine Erkenntnisse (Gedankenanstöß e) gegeben. Ich hab mich besonders in der Gesprächstherap ie (mit einem Einzeltherapeut en) bisher immer ein wenig schwer getan, bestimmt Ursachen für mein Verhalten in der Beziehung zu meiner Mutter oder in dem Mangel an Zuneigung und Indivualität zu sehen. Aber so allmälich kann ich ich darauf einlassen und hoffe meinen Kontrollwahn irgendwann ablegen zu können, alles ein wenig entspannter zu sehen, auf meine inneren Empfindungen zu hören und mein Leben genießen zu können. Ich hoffe dann ist irgendwann Schluss mit dem "Das kannst du dir nicht leisten!"( weiter siehe nächster KOmmentar)
Antworten
 
 
+1 # Sophel 2011-07-19 11:41
Ich hab mich oft in deinen Berichten wiedergefunden. Ich finde es auch erstaunlich wie du deine Erkenntnisse nachvollziehen und rekapitieren kannst. dass du genau sagen kannst, diese Therapie hat mir dabei geholfen und eine andere Therapie hat mir an anderer Stelle geholfen. Ich habe für mich festgestellt, dass mir die Gruppengespräch stherapie (mit Leuten, die keine Essstörung haben, sondern überwiegend soziale Schwierigkeiten und Burnout) nicht so viel gebracht hat. Aber ich hatte Spaß an der Bewegungstherap ie (ist so ähnlich wie Schauspielunter richt, spielerisches Hineinversetzen in bestimmte Szenen) und dass ich auch nach wie vor super gern tanze und singe. Das gibt mir natürlich auch Freude wieder. Eine Frage noch an dich, liebe S., hattest du eigentlich während deiner Essstörunge irgendwann einen Freund? Und wenn ja, hat er dir geholfen mit deinem Problem fertig zu werden? Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass auch ich bald wieder ein befreiters Leben habe.
Antworten
 

Kommentar schreiben

Die Kommentarfunktion soll zur Diskussion des jeweiligen Artikels dienen. Bitte beachten Sie, dass wir Kommentare nicht notwendigerweise beantworten oder Beratung über die Kommentarfunktion anbieten können. Zum Austausch mit anderen Betroffenen und Angehörigen nutzen Sie bitte unsere Kommunikationsangebote unter hungrig-online.de. Kommentare mit Fragen zu Größe und Gewicht werden in der Regel gelöscht. Hinweise zur Datenverarbeitung bei Kommentaren finden Sie auf unserer Informationsseite zum Datenschutz.

Sicherheitscode
Aktualisieren

Über uns

Magersucht-Online und Bulimie-Online sind Informationsangebote des Hungrig-Online e.V. zum Thema Essstörungen.
Hungrig-Online e.V.
Postanschrift:

Hungrig-Online e.V.
Winterhaldenstraße 49
70374 Stuttgart
Vorstand:
Dr. rer. nat. Miriam Liedvogel, Dr. phil. Maike Reimer, Alexandra Schneider, Dr.-Ing. Katharina Bauer, Julia Wieland.
Spendenkonto:
Kt.-Nr. 3973
BLZ 76350000
Sparkasse Erlangen
Spendenquittungen zur Vorlage beim Finanzamt können ausgestellt werden.

Hungrig-Online e.V. ist Mitglied im
BFE-Logo


Werbung: Buchempfehlungen bei Amazon