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Hinweise zum Umgang mit Betroffenen

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Es ist erschreckend, jemandem den Sie gerne haben, dabei zuzusehen, wie er sich langsam selber umbringt. Vermutlich leiden Sie selber unter Anspannung, Furcht, einem schlechten Gewissen oder sind verwirrt. Wie sehr Sie sich auch bemühen zu helfen, Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Entscheidung, sich helfen zu lassen, ausschließlich beim Betroffenen liegt. Sie können ihn nicht dazu zwingen. Auch für die Angehörigen stellt eine Essstörung eine große Belastung dar, der sie oft hilflos gegenüberstehen. Informieren Sie sich über Essstörungen, sprechen Sie den Betreffenden behutsam an und unterstützen Sie ihn auf dem Weg der Heilung. Gehen Sie nach den folgenden Schritten vor.

1. Offenes Gespräch

Schritt für Schritt zur Krankheitsbewältigung
  • Informieren Sie sich über Essstörungen
  • Führen Sie ein offenes Gespräch mit dem Betroffenen. Vermeiden Sie Schuldzuweisungen!
  • Ermutigen Sie den Betroffenen zu einem Beratungsgespräch
  • Nehmen Sie Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe auf
  • Veranlassen Sie eine ärztliche Untersuchung
  • Kontaktieren Sie auf die Behandlung von Essstörungen spezialisierte Kliniken
  • Sprechen Sie mit der Krankenkasse über Therapie und Kostenübernahme
  • Denken Sie auch an sich selbst

Führen Sie mit dem Betroffenen ein offenes Gespräch. Sprechen Sie Auffälligkeiten an. Die Erkrankungen sind "heimliche Suchterkrankungen", sie werden verleugnet. Hier kann es eine Hilfe sein, wenn vom Umfeld (Familie, Partner, Freunde) Rückmeldungen kommen. Gehen Sie behutsam vor, und informieren Sie sich vorher über Magersucht. Vermeiden Sie es, selber nach Ursachen für die Essstörung zu suchen. Sie sind kein Therapeut und können diese Rolle auch nicht übernehmen. Vermeiden Sie gegenseitige Schuldzuweisungen.

Bevor Sie jemanden auf eine vermutete Essstörung ansprechen, sollten Sie sich zunächst informieren. Zu viele Menschen glauben, dass es bei einer Essstörung nur um Essen und Gewicht geht, während sie in Wirklichkeit nur das Symptom für tieferliegende Probleme ist. Behalten Sie sich bei dem Gespräch die folgenden Punkte im Gedächtnis:

  • Vermeiden Sie es, über Essen oder Gewicht zu reden; darum geht es eigentlich nicht.
  • Versichern Sie dem Betreffenden, dass er nicht alleine ist, und dass Sie ihn gerne haben und ihm, wo immer Sie können, helfen wollen.
  • Ermutigen Sie den Betreffenden, Hilfe anzunehmen.
  • Zwingen Sie den Betreffenden niemals, etwas zu essen.
  • Gehen Sie nicht auf das Körpergewicht oder das Aussehen des Betreffenden ein.
  • Machen Sie dem Betreffenden keine Vorwürfe, und werden Sie ihm gegenüber nicht zornig.
  • Seien Sie geduldig, eine Heilung braucht Zeit.
  • Machen Sie Mahlzeiten nicht zu Schlachtfeldern.
  • Hören Sie dem Betreffenden zu, geben Sie keine übereilten Meinungen oder Ratschläge ab.
  • Versuchen Sie nicht, die Rolle eines Therapeuten zu übernehmen. Sie sind keiner!

Es ist wichtig, daran zu denken, dass wenn Sie jemanden das erste Mal auf eine vermutete Essstörung hin ansprechen, der Betreffende mit Angst oder Unmut reagieren oder alles abstreiten könnte. Beharren Sie dann nicht auf dem Thema. Lassen Sie den Betreffenden nur wissen, dass Sie für ihn da sind, wenn er darüber sprechen will. Es kann aber notwendig werden, dass Sie handeln müssen, wenn die Gesundheit des Betreffenden extrem gefährdet ist. In diesem Fall sollten Sie mit einem Arzt und mit den Angehörigen des Betreffenden über die weitere Vorgehensweise sprechen.

2. Beratungs- bzw. diagnostisches Gespräch

Ermutigen Sie den Betroffenen zu einem Beratungs- bzw. diagnostischen Gespräch. Ein solches Gespräch kann in einer Beratungsstelle, die Erfahrung hat mit Essstörungen und mit Möglichkeiten der Therapievermittlung, stattfinden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, Ihren Haus-Arzt oder einen anderen Arzt, zu dem ein Vertrauensverhältnis besteht, aufzusuchen.

3. Kontaktaufnahme zu einer Selbsthilfegruppe.

Es ist sicherlich der leichteste Einstieg zur Bewältigung der Essstörung. Die Betroffenen haben die Möglichkeit, mit Menschen zu sprechen, die viel Erfahrung mit dem gleichen Problem haben. Über die Selbsthilfegruppen werden auch therapeutische Empfehlungen vermittelt und realisiert.

Auch für die Angehörigen ist es oft sinnvoll, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Es kann Ihnen helfen, mit der Situation besser zurechtzukommen. Der Umgang mit jemandem, der unter einer Essstörung leidet, kann frustrierend und emotionall belastend sein. Durch diese schwierige Zeit kann ein Therapeut oder eine Selbsthilfegruppe helfen.

4. Konsultation eines niedergelassenen Arztes oder einer Klinikambulanz.

Hier sollten ergänzende Untersuchungen veranlasst und die therapeutischen Weichen gestellt werden. Die gesundheitlichen Risiken, die mit einer Essstörung verbunden sind, sind beträchtlich. Ein Facharzt kann die entsprechenden Untersuchungen veranlassen und die Behandlung einleiten. Adressen von Kliniken, in denen Essstörungen behandelt werden, finden Sie in unserer Adressliste.

5. Aufsuchen der Krankenkasse zur Beratung und ggf. der Therapieeinleitung.

Je früher Essstörungen behandelt werden, um so bessere Ergebnisse (Erfolgswahrscheinlichkeiten für eine Heilung) werden erzielt. Je ernsthafter die Erst- (und evtl. Zweit-) Therapie ist, um so besser ist das Ergebnis. Bei der Durchführung von ambulanten Therapien bei niedergelassenen ärztlichen Psychotherapeuten bzw. niedergelassenen Psychologen sollte man sich vergewissern, dass Erfahrungen bei der Behandlung von Essstörungen vorliegen. Je nach Notwendigkeit erfolgt eine stationäre Behandlung.

Jemand mit einer Essstörung hat die besten Heilungschancen, wenn sein Umfeld aus Personen besteht, die ihm Rückhalt und Unterstützung geben. Die Heilung dauert lange und ist mit viel Arbeit verbunden. Aber mit der richtigen Behandlung, die aus Individual-, Gruppen und Familientherapie, Selbsthilfegruppen und medizinischer und Ernährungsberatung bestehen kann, kann die Essstörung überwunden werden.

6. Denken Sie auch an sich selbst

Vergessen Sie nicht: Auch für Sie als Angehöriger ist es oft sinnvoll, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Es kann Iihnen helfen, mit der Situation besser zurechtzukommen. Der Umgang mit jemandem, der unter einer Essstörung leidet, kann frustrierend und emotionall belastend sein. Durch diese schwierige Zeit kann ein Therapeut oder eine Selbsthilfegruppe helfen.

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Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 19. September 2010 um 18:22 Uhr  

Kommentare  

 
-11 # pleace 2011-01-03 09:53
was ist wenn der betroffene akresiv reagiert?!
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+12 # Wolfgang Gawlik 2011-01-03 21:22
Es ist wichtig, daran zu denken, dass wenn Sie jemanden das erste Mal auf eine vermutete Essstörung hin ansprechen, der Betreffende mit Angst oder Unmut reagieren oder alles abstreiten könnte. Beharren Sie dann nicht auf dem Thema. Lassen Sie den Betreffenden nur wissen, dass Sie für ihn da sind, wenn er darüber sprechen will. Es kann aber notwendig werden, dass Sie handeln müssen, wenn die Gesundheit des Betreffenden extrem gefährdet ist. In diesem Fall sollten Sie mit einem Arzt und mit den Angehörigen des Betreffenden über die weitere Vorgehensweise sprechen.
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+14 # Janina 2011-02-16 07:18
Wie soll man ein OFFENES Gespräch über diesen Verdacht führen, wenn man Gewicht und Essen möglichst nicht ansprechen darf?

Und mein Verdacht, dass eine Magersucht besteht, ist doch bereits eine Schuldzuweisung , wenn ich die betreffende Person darauf anspreche.

Hier wird gesagt, ich soll ein OFFENES Gespräch führen und als nächstes wird erzählt, was ich alles nicht sagen und tun darf und dass ich als Laie möglichst garnichts tun soll, weil ich ja kein Therapeut bin.

Absolut nicht hilfreich!
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+1 # Korsarin 2011-03-03 07:28
Das ist auch mein Problem: es geht um meine Kollegin. Ich habe jetzt viel über Magersucht gelesen und bin mir ganz sicher, dass sie da voll drinsteckt und es ihr gar nicht gut geht. Und jetzt stellt sich die Frage: Wie kann ich sie ansprechen? Sie ist so empfiindlich, leicht zu verunsichern und noch dazu bin ich die Chefin...da bekommt sie sicher Angst, egal wie vorischtig ich das anspreche. Uns die Tipps oben machen jetzt MIR Angst. Ich möchte ihr doch helfen, sie schützen - aber ein offenes Gespräch, in dem ich dann doch praktisch alles wesentlich nicht anspreche, geht nicht.
Ratlosigkeit macht sich breit....
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-7 # Lissa 2012-01-22 14:53
Ja irgendwie schon.....
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+30 # Hoffnung 2011-03-19 10:43
Ich denke Sie werden meinen Kommentar sehr schnell löschen, weil ich als Betroffener erschrocken bin, wie meine Frau in Ihren Mailinglisten Tipps von anderen Angehörigen bekam. Obwohl ich mich in einer therapeutischen Klinik befand, um die ES zu besiegen, kam sie an und meinte sie trennt sich mit unseren 2 Kinder von mir. Das schlimmste dabei Sie hat diesen Ratschläge aus ihrer Mailingliste. Zum Wohle der Kinder trenne dich. Da sind doch ihre Tipps der blanke Hohn. Dazu noch das schlimmste das meine Frau sexuell missbraucht wurde und ich 2 Jahre um sie gekämpft habe, in ihrer Therapiezeit damit Sie sich selbst und die Kinder nicht umbringt. Daher rutschte ich hinterher so sehr ab und landete in der ES. Das Internet ist so groß und jeder kann hier alles mitteilen, doch welche Auswirkungen es haben könnte, sollte jeder ganz genau bedenken bei seinen Äußerungen. Ich werde aus der ES rauskommen, aber eine gute Familie ist durch unkontrollierte n Aussagen zerstört worden. Vielen Dank.
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+13 # Michelle 2011-05-19 02:34
Mir tut das für Sie so unglaublich leid. Als ich Ihren Beitrag gelesen habe, musste ich fast weinen.

Meine beste Freundin (16) hat auch eine Essstörung und ich (17) klicke mich aufgrund meiner Hilflosigkeit durch die einzelnen Foren um mehr darüber zu erfahren, aber ich bin mir ganz sicher, dass diese Hinweise hier KEINE Hilfe sind für die Mit-Betroffen. Und deshalb werde ich es auf meine eigene Art versuchen.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute und aus tiefstem Herzen, dass sie das wieder hinkriegen. :(

Liebe Grüße, Michelle.
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+2 # Lissa 2012-01-22 14:37
Meine Freundin leidet auch an Magersucht und ich habe bereits offen mit ihr gesprochen ihr verischert immer für sie da zu sein wenn sie mich braucht. Sie fühlt sch einsam und nicht geliebt und falsch auf dieser Welt gehört das auch zur Krankheit?
Sie streitet es total ab an Magersucht erkrangt zu sein obwohl es so offensichtlich ist sie übergibt sich täglich.....
Sie ist erst 13 :(
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+11 # Nina 2012-04-24 13:36
Also bei einer zu beginn nur guten Kollegin habe ich es auch geschafft mit ihr über dieses Thema zu sprechen. Man darf nur nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen sondern Schritt für Schritt das Thema behandeln. Unter "keine Schuldzuweisung en oder Vorwürfe machen" kann man aus meiner Sicht verstehen..nicht sagen das jemand dünn ist oder zu wenig isst. Ich hab meiner Freundin lediglich gesagt was ich mir alles für Sorgen um Sie mache.."Weisst du ich mach mir Sorgen wenn ich dich anschauhe. Ich mach mir Sorgen weil du aus meiner Sicht sehr dünn bist. Nicht sagen Dass ES so ist sondern nur sagen dass man das selber so sieht.. Am Anfang kannte ich sie noch nicht mal wirklich aber mit der Zeit hat sie mir immer mehr anvertraut..einfach weil sie gemerkt hat dass ich sie nicht verurteile und ihr einfach nur zuhöre..und wenn jemand zu weinen beginnt nicht IMMER gleich aufhören..oder zumindest in den Arm nehmen (war vorallem am Anfang oft der Fall)..Ein gutes Gespräch braucht mehrere Anläufe
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