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Essstörungen und Leistungssport

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Für Leistungssportler besteht ein erhöhtes Risiko, an einer Essstörung zu erkranken. Besonders in ästhetischen Sportarten, Ausdauersportarten oder Sportarten mit Gewichtsklassen leidet ein deutlich höherer Anteil der Sportler an einer Essstörung und setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Trainer und Betreuer stehen in der Verantwortung.

Sind Leistungssportler besonders anfällig für Essstörungen?

Laut einer skandinavischen Studie unter Spitzensportlerinnen beträgt das Risiko, an einer Essstörung zu erkranken, bei Sportarten wie Rhythmische Sportgymnastik, Turnen, Marathon oder Judo 40%. Das Amerikanische College für Sportmedizin führte 1992 eine Untersuchung durch, nach der über 60% der Sportlerinnen in den Sportarten Eiskunstlauf und Turnen unter einer Essstörung litten. Eine Studie im Auftrag des Kölner Bundesinstitutes für Sportwissenschaft zeigt, dass bis zu 25% aller Sportlerinnen unter Essstörungen leiden.

Dagegen beziffert die Universität Ulm die Häufigkeit von Essstörungen in der weiblichen Bevölkerung zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr für Anorexie mit 0,5-1%, für Bulimie mit 3-4% und für Esssucht mit 6 %, insgesamt also etwa 10%.

Tatsächlich sind also Essstörungen unter Leistungssportlern besonders verbreitet.

Risikosportarten

In ästhetischen Sportarten wie Turnen, Ballett, Tanzen, Eiskunstlauf oder Synchronschwimmen, in denen Athleten nach technischen und künstlerischen Werten beurteilt werden, befinden sie sich unter grossem Druck, dünn zu sein. Viele Schiedsrichter sehen Schlankheit als wichtiges Kriterium an, wenn es darum geht, über die künstlerische Benotung zu entscheiden. Ein niedriges Körpergewicht ist zudem oft günstiger für den Bewegungsablauf.

"[Meine Trainerin hat] mir öfters gesagt, dass ich abnehmen soll, wenn ich Erfolg haben will. Das sei nötig, weil Eiskunstlaufen nun mal eine ästhetische Sportart sei." sagt die ehemalige Deutsche Meisterin im Eiskunstlauf Eva-Maria Fitze in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL über ihre Bulimie-Therapie in einer betreuten Wohngemeinschaft des ANAD e.V. pathways in München und die Nöte von Leistungssportlern.

Bei Ausdauersportarten wie z.B. Langstreckenlauf bringt ein niedriges Körpergewicht eine Verbesserung der Ausdauerleistungsfähigkeit mit sich. Die Sportler müssen weniger "Ballast" mit sich tragen.

Bei Sportarten mit Gewichtsklassen wie Boxen, Ringen, Judo und Gewichtheben und bei Jockeys muss ein bestimmtes Gewichtslimit eingehalten werden. Eine Gewichtsabnahme berechtigt zudem zur Teilnahme an der nächstniedrigen Gewichtsklasse mit vermeintlich schwächeren Gegnern. Auch für Skispringer bedeutet ein niedriges Körpergewicht meist Vorteile im Wettkampf.

Prominente Fälle

Ein US-Schiedsrichter erklärte der Weltklasse-Turnerin Christy Henrich auf einem Treffen in Budapest 1988, sie sei zu dick und müsse Gewicht verlieren, wenn sie hoffe, in die Olympia-Auswahl zu kommen. Christy flüchtete zu Magersucht und Bulimie, um ihr Gewicht zu kontrollieren. Am 26. Juli 1994 starb Christy Henrich im Alter von 22 Jahren durch mehrfachen Organausfall.

Am 2. August 2001 stirbt Bahne Rabe im Alter von 37 Jahren an einer Lungenentzündung, Folge seiner Magersucht. Rabe war 1988 Olympia-Sieger im Ruder-Achter.

Die bekannten Turnerinnen Kathy Johnson, Nadia Comaneci und Cathy Rigby haben freiwillig eingestanden, mit Essstörungen zu kämpfen. Cathy Rigby, eine Teilnehmerin der Olympischen Spiele 1972, war für 12 Jahre an Magersucht und Bulimie erkrankt. Sie erlitt in Folge dessen zweimal einen Herzstillstand.

Der Golferin Martina Eberl gelang nach einer Bulimie-Therapie das Comeback; sie wurde Europameisterin.

Erhöhte gesundheitliche Risiken für Sportler

Athleten mit Essstörungen gehen ein erhöhtes Risiko für medizinische Komplikationen, z.B. Schwankungen im Elektrolythaushalt und Herzrhythmusstörungen bis hin zum Herzstillstand ein, weil ihr Körper neben der körperlich anstrengenden Aktivität durch den Sport zusätzlich durch die Essstörung beansprucht und geschädigt wird.

Generell birgt jede Essstörung das Risiko der Osteoporose, also der deutlichen Verminderung der Knochenmasse und der Verschlechterung der Knochenmikroarchitektur durch die von der Essstörung hervorgerufene Entkalkung des Skelettsystems. Stressfrakturen z.B. des Oberschenkelhalses, des Unterarms und der Wirbelkörper bei den hohen mechanischen Belastungen durch den Sport treten verstärkt auf.

Die Essstörung macht die Sportler aber auch anfälliger für den ohnehin enormen emotionalen Druck, unter dem sie nicht nur bei Wettkämpfen stehen. Depressive Verarbeitungsstörungen, Antriebsarmut, Leistungsverlust und Schlafstörungen sind die Folge.

Die Verantwortung der Trainer und Betreuer

Viele Athleten werden aus dem verzweifelten Versuch heraus, dünn zu sein und Trainer und Schiedsrichter zufriedenzustellen, das Opfer einer Essstörung. Viele Trainer machen sich dabei schuldig, indem sie diese Athleten durch Kritikäußerungen oder Anspielungen auf ihr Gewicht unter Druck setzen. Diese Kommentare können schweren emotionalen Schaden beim Athleten verursachen und ihn dazu veranlassen, zu gefährlichen Methoden der Gewichtskontrolle zu greifen.

Trainer und Ausbilder müssen sich über die Gefahren und die Anzeichen, die man bei Athleten mit einer Essstörung finden kann, im Klaren sein. Sie müssen in der Lage sein, zu bemerken, wenn die gesunde Trainingsroutine zu einem Zwang wird, bei dem die Athleten mittels ungesunder Massnahmen versuchen, dünner zu werden und in ihrem Sport erfolgreich zu sein.

Trainer sollten Ernährungsberater miteinbeziehen, welche die Sportler über ein gesundes Essverhalten aufklären und ihnen deutlich machen, wie wichtig es gerade bei intensivem Training ist, sich richtig zu ernähren.

Für Athleten, die bereits an einer Essstörung leiden, sollten Beratungen ermöglicht werden, und sie sollten dazu ermutigt und unterstützt werden, die ihnen verfügbare Hilfe zu akzeptieren. Sie müssen sich sicher sein können, dass sie weder kritisiert werden, noch dass auf sie herabgeschaut wird, wenn sie ihr Problem zugeben.

Eltern, die ihr Kind in einem Wettbewerbssport anmelden, sei geraten, dass sie dieses besonders am Anfang zu einigen Trainingsstunden mit begleiten, um den Trainer und seine Trainingsmethoden zu beobachten. Der Trainer

  • soll nicht zuviel Leistungsdruck auf das Kind ausüben,
  • soll die Sportler ermutigen und ihnen helfen, eine gesunde Routine zu entwickeln, die sie nicht dem Risiko aussetzt, sich zu verletzen,
  • soll die Athleten loben und stolz auf sie sein, unabhängig davon, welchen Platz sie in einem Konkurrenzkampf belegen.

Kein Titel ist es wert, für ihn zu sterben

Trainer und Betreuer können von den Athleten erwarten, dass sie ihr bestes geben, nicht aber, dass sie als Gewinner aus einem Wettkampf hervorgehen. Nach gefährlichen Methoden der Gewichtskontrolle zu greifen, nur um an Wettkämpfen teilzunehmen, erfolgreich zu sein und sie zu gewinnen, bringt das Leben der Athleten in Gefahr. Keine Goldmedaille ist es wert, dafür zu sterben.

"Ich erwarte von mir im Moment nur, dass ich diesen Sport gesund betreiben kann. Wenn einer zu mir sagen sollte: Du musst abnehmen, dann werde ich vielleicht ein Kilo abnehmen. Aber erstens nur dann, wenn ich selber dieser Meinung bin, und zweitens: Nach einem Kilo ist dann wirklich Schluss. Ich will mein Leben wieder genießen, ich will alles nachholen, was ich verloren habe. Ich will Training durch etwas anderes ersetzen: Freude am Leben." sagt Eva-Maria Fitze im Interview, und auf die Frage, warum sie dann nicht für immer mit dem Eislaufen aufhört, antwortet sie: "Ich will ganz einfach zurückkommen. Ich will zeigen, dass ich in einer Saison, in der ich nicht trainieren konnte, trotzdem etwas geleistet habe."

Bei den deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften 2001 in Oberstdorf durfte die Münchnerin einen Sieg über sich selbst feiern. Nach der Überwindung ihrer schweren Essstörung war sie trotz mehrerer Patzer über ihren fünften Platz froh und glücklich: "Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich es noch kann, das bedeutet mir sehr viel für meine Zukunft."

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 19. September 2010 um 18:15 Uhr  

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