Magersucht-Online

Informationen zu Magersucht - von Betroffenen für Betroffene

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Home Therapie bei Magersucht Peggy Claude-Pierre, das Negativismussyndrom, die Klinik in Montreux und „Der Weg zurück ins Leben"

Peggy Claude-Pierre, das Negativismussyndrom, die Klinik in Montreux und „Der Weg zurück ins Leben"

E-Mail Drucken PDF
Benutzerbewertung: / 56
SchwachPerfekt 

Peggy Claude-Pierre ist gebürtige Schweizerin und lebt heute in Victoria, Kanada. Sie hat sich frühzeitig von ihrem ersten Mann getrennt, hat zwei Töchter und ist wieder neu verheirat mit David Harris, der Kliniksprecher ihrer Klinik war. Ihre beiden Töchter erkrankten während der Pubertät nacheinander an Anorexia Nervosa, im Zuge der Krankheit verloren sie in lebensbedrohlichem Maße Gewicht. Sie als Mutter versuchte vergeblich, ihnen zu helfen, indem sie zusammen mit ihnen eine Reihe von Ärzten, Psychologen, Fachleuten und Kliniken aufsuchte, die ihr aber alle mitteilten, dass ihren Töchtern nicht mehr zu helfen und die Anorexie eine unheilbare Krankheit sei.

Claude-Pierre war verzweifelt und wollte sich mit dieser Aussicht nicht zufrieden geben, sie wollte ihre Töchter nicht sterben sehen, sondern alles für sie tun und ihnen helfen. Also versuchte sie, in Eigeninitiative ihren Kindern, parallel zu ihrem Psychologiestudium, das sie zu dieser Zeit absolvierte, zu helfen. Sie kümmerte sich Tag und Nacht allein um ihre schwerkranken Töchter, erst als es den beiden etwas besser ging, gab sie auch mal für wenige Stunden die Verantwortung an sehr gute Freunde ab, ansonsten nahm sie ihre Töchter überall mit hin und betreute sie allein rund um die Uhr. Ihr gelang es, dass ihre Töchter wieder anfingen zu essen, wieder zunahmen, ihre psychische und physische Verfassung sich besserte und normalisierte und sie beide heute voll im Leben stehen.

Die Klinik in Montreux

Aus ihren Erfahrungen mit ihren beiden Töchtern heraus eröffnete sie 1988 eine ambulante Praxis für Patienten mit Essstörungen, 1993 gründete sie dann mit ihrem Mann, David Harris, zusammen die Montreux Klinik in Victoria, Britisch Kolumbien, Kanada. Diese Klinik hat mehrere ambulante Außenstellen in Kanada.

Claude-Pierre behandelte in ihrer Klinik gleichzeitig bis zu 8 Patienten mit Anorexia Nervosa bzw. Bulimie aus aller Welt, die bereits entweder wegen ihres sehr niedrigen Gewichts, zahlreicher bisher erfolgloser Therapien und Klinikaufenthalte oder jahrelanger Krankheitskarriere aufgegeben worden waren. Nach verschiedenen Aussagen schwankten die Behandlungskosten zwischen $ 16.000 und $ 30.000 im Monat, weshalb nur „Auserwählte" in den „Genuss" dieser Klinik kamen. Nebenher betreute sie bzw. ihre Mitarbeiter etwas mehr als 20 Patienten ambulant. Viele der Patienten, die Montreux verließen, waren geheilt und äußerten sich sehr positiv über die Behandlung dort, da sie sehr menschlich, warm und eben auch wirksam gewesen sein soll. Claude-Pierres Behandlung fußte auf unbedingter Liebe, Bestätigung und Unterstützung. Jahrelang glänzte Claude-Pierre mit einer Heilungsquote von mehr als 90%, die übrigen 10% seien Behandlungsabbrüche z. B. aufgrund Geldmangels etc. gewesen. Unerwähnt blieb aber, dass Patienten wenige Tage bzw. Wochen nach Entlassung aus ihrer Klinik an ihrer Anorexie bzw. Bulimie starben.

Nachdem Peggy Claude-Pierre bzw. ihrer Klinik mehrfach mit Lizenzentzug gedroht worden war und ihr der Weiterbetrieb nur unter verschiedenen Auflagen und Bedingungen gestattet wurde, wurde ihr die Lizenz letzten Sommer endgültig abgenommen, da sie den Auflagen nicht nachkam.

Grundlage für den Entzug der Lizenz waren Untersuchungen und Ermittlungen, in denen herauskam, dass z. B. gegen die kanadischen Pflegerichtlinien verstoßen wurde, dass minderjährige Patienten betreut und behandelt wurden, obwohl sie nicht die Berechtigung dazu besaß, dass Patienten behandelt wurden, die dringend in medizinische Versorgung gehört hätten, welche man ihnen in Montreux aber nicht geben konnte, da Montreux nur auf die psychische Behandlung eingerichtet ist. Hinzu kamen Aussagen von Patienten, nach denen sie angeschrieen, gedemütigt und sogar missbraucht worden sein sollen.

Ein Einspruch ihrerseits war erfolglos.

Behandlungskonzept und Negativismus

Peggy Claude-Pierre wendete in ihrer stationären wie auch ambulanten Behandlung ein relativ neuartiges von ihr eigens aufgestelltes Konzept an, von dem sie meint, dass einzig allein dieses Konzept den Patienten, auch denen, die von allen Ärzten und Psychologen bereits aufgegeben worden sind, helfen kann. Peggy Claude-Pierres Behandlungsansatz stützte sich auf ihre These, dass Anorexie bzw. Bulimie nicht primär durch Traumata, bestimmte Familienstrukturen und Erziehungsweisen, überhöhte Ansprüche und überzogene Wertmaßstäbe und vielleicht auch die Gesellschaft etc.verursacht werden, sondern ihrer Aussage nach ist der ursprüngliche Grund das Negativismussyndrom, welches alle der Esssgestörten gemeinsam haben.

Dieses Negativismussyndrom bzw. die Disposition zum Negativismus sei von Geburt an vorhanden und äußere sich in dem Bestreben, die Welt zu verbessern und an allem Übel der Welt Schuld zu sein. Diese Menschen hätten den Drang, sich selber ständig zurückzunehmen, überall zu helfen, einen hohen Anspruch an Perfektion und das Gefühl, sie selber hätten kein Recht auf Hilfe oder Unterstützung, sie müssten sich gnadenlos selbst zerstören und seien absolut wertlos. Die Patienten würden durch bestimmte Aussagen von Freunden oder Verwandten und den Eltern teilweise geradezu in ihrem Negativismus bestärkt, was sie immer tiefer in die Spirale des Negativmus hineinrutschen lässt und sich möglicherweise früher oder später in einer Essstörung äußert.

Claude-Pierre betont immer wieder, dass Eltern keine Schuld an der Erkrankung ihrer Kinder hätten, dass Traumatas und andere einschneidende Ereignisse nur eventuell ein Auslöser für die Essstörung gewesen seien, aber einzig und allein das Negativismussyndrom die Ursache ist. In besonderem Maße gegen diesen von ihr formulierten Negativismus richtet sich ihre Behandlung.

Die Patienten werden in ihrer Klinik, zumindest im Anfangsstadium, 1:1 betreut. Pflege- bzw. Behandlungspersonal sind nur speziell von Claude-Pierre und ihrem Mann ausgesuchte Personen, die den Ansprüchen Claude-Pierres gerecht werden und ihre Ansichten und Behandlungsmethoden voll vertreten und bereit sind, sich über ein normales Maß zu engagieren und in der Klinik bzw. der Behandlung der Kranken einzubringen. Darunter waren nicht immer fachlich qualifizierte Personen, was u.a. für die kanadischen Gesundheitsbehörden Grund war, der Montreux-Klinik die Lizenz zu entziehen.

In der Behandlung wird die Anorxie bzw. die Bulimie „personifiziert" und die Patienten sollen zusammen mit dem sie unterstützenden Pflegepersonal gegen dieses „Monster" ankämpfen. Diese „negative innere Stimme" sei es, die den Patienten verbiete, zu essen, zu schlafen, sich Gutes zu tun, sich auszuruhen, Hilfe anzunehmen, die sie ständig trieb, gegen sich selbst zu arbeiten, die Gutes nicht gut genug sein lässt, zu Perfektion antreibt und den Patienten in den Tod treibt.

Claude-Pierres Behandlungsplan orientiert sich an der Entwicklung eines Babys zum Erwachsenen, er ist in 5 Stadien gegliedert: Das erste Stadium ist das Akutstadium, in dem die Patienten eingeliefert werden, es entspricht der Säuglingszeit, die Patienten sind noch völlig abhängig und werden total von dem „Monster", ihrer negativen Stimme beherrscht. In dieser Zeit ist immer mindestens eine Person rund um die Uhr bei den Patienten, überwacht sie bei jeder Tätigkeit, ist physisch und emotional total für den Patienten da. Die Bezugsperson ist unentwegt bemüht, dem „Monster" zu widersprechen und von der wahren Realität zu überzeugen.

Wenn der Patient gelernt und eingesehen hat, dass er krank ist und Hilfe benötigt und auch bereit ist, sich diese geben zu lassen, seine Umwelt, das Vertrauen seiner Bezugspersonen allmählich annehmen kann, dann wechselt er in das zweite Stadium, das Emergenzstadium. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits in der Lage, sich ab und zu bzw. in gewissem Maße gegen die „negative innere Stimme" zu wehren und sich zu widersetzen. Der Patient fängt an, seine Identität zu suchen, Grenzen zu suchen und auszutesten. Er darf am Unterrichtsprogramm der Klinik teilnehmen, soll lernen, eine eigene Meinung zu haben und zu dieser zu stehen, ist ansonsten aber noch emotional sehr labil und beeinflussbar und auch abhängig, er wird immer noch 1:1 betreut.

Danach kommt der Patient in das Realitätsstadium, in dem die „wahre" innere Stimme genauso stark ist wie die „negative innere Stimme", die eigentliche Persönlichkeit der Person kristalliert sich heraus, der Patient nimmt seine Umwelt wieder besser und realer und nicht mehr als einziger Feind wahr. Die ständige Überwachung durch das Behandlungsteam wird gelockert und den Patienten wird Freizeit eingeplant. Auffallend in diesem Stadium ist das noch rapide Schwanken zwischen totaler Abhängigkeit und dem Wunsch, total selbstständig zu sein. Am Ende dieses Stadiums wird der Patient in die Teilzeittherapie übernommen. Dieses Stadium ist vergleichbar mit der Pubertät.

Nun kommt der Patient in das Interaktionsstadium, welches dem frühen Erwachsenalter entspricht. In dieser Zeit werden die Patienten nur noch ambulant betreut, sie werden selbstständiger und reifer und auch objektiver. Das Betreuungsteam unterstützt im Aufbau des sozialen Umfeldes und beim Festigen des bisher Erreichten. Das Leben in einem bestimmten Umfeld bzw. die Auseinadersetzung damit einschließlich dem Leben von Beziehungen nimmt den Großteil der Therapiestundenzeit ein und ist Hauptthema. Die Familie wird in den Behandlungsplan integriert und nimmt an den Therapiesitzungen teil.

Als letztes folgt das Integrationsstadium, in welchem der Patient nach Hause zurückkehrt und nur in gewissen immer größer werdenden Abständen in der Klinik „vorbeischaut". In dieser Zeit finden noch ambulante Therapiestunden statt, auch ist das Behandlungsteam noch jederzeit erreichbar, andererseits dient diese Zeit, damit sich der Patient bewähren kann, sie wird auch „Probezeit" genannt, es finden einige Auswertungsgespräche statt. Erst wenn diese positiv verlaufen sind, wird der Patient endgültig entlassen. Nun soll er sein „eigentliches" Ich gefunden haben, in der Lage sein, dazu zu stehen und sich selbst zu verwirklichen.

Die Länge der einzelnen Stadien hängt jeweils vom Patienten ab. Es war durchaus nicht selten, dass Patienten mehrere Jahre stationär und ambulant bei P. Claude-Pierre betreut wurden. Über die Rückfallquote kann man bisher erst wenig sagen, da solange diese Klinik ja noch nicht existiert/e und es sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erst zeigen wird, ob es zu Rückfällen kommt oder nicht. Da die Zahl der Menschen, die nach einer Behandlung in ihrer Klinik verstarben, bisher kaum oder gar nicht erfasst und dokumentiert wurde, ist das Bild vom Erfolg dieser Klinik sehr verzerrt.

Die Zahl der bekannten Todesfälle entspricht ungefähr den allgemeinen Schätzungen und Erfahrungen, dass zwischen 5 und 20 % aller Anorexie-Patienten immer noch sterben. Peggy Claude-Pierre hat ein Buch über ihre Ansätze, ihre Erfahrungen, das Negativismussyndrom und die Behandlungsansätze in ihrer Klinik veröffentlicht, welches auf Englisch unter „The Secret Language of Eating Disorders" und auf deutsch als „Der Weg zurück ins Leben" weltweit erhältlich ist.

Der Engel von Montreux in der Kritik

Nach anfänglicher Euphorie, dem Bewundern der Person Claude-Pierres, da es ihr gelang, längst aufgegebene Patienten zu heilen, sie wurde von Anhängern „Engel von Montreux" genannt, und der Meinung, nun den wahren Grund von Anorexia Nervosa und Bulimie bzw. ein geeignetes Behandlungskonzept gefunden zu haben, werden mehr und mehr kritische Stimmen laut, die das Negativismussyndrom als „Ausrede sich-schuldig-fühlender Eltern" bezeichnen und ihr Behandlungskonzept als einen „Versuch der Wiedergutmachung" betiteln. Sie mache es sich zu einfach, die Vielzahl der tatsächlichen Ursachen nur als Auslöser zu betrachten und einzig und allein einen „angeborenen Negativismus" als Ursache zu erachten.

Inzwischen gibt es jedoch auch Ärzte und Therapeuten sowie Kliniken, die nach dem Behandlungskonzept Claude-Pierres vorgehen. Die Zeit, Erfahrungen und Diskussionen werden zeigen, ob Peggy Claude-Pierre eine moderne Legende ist oder ihr Konzept eine ernstzunehmende Therapieform für Essstörungen.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 26. April 2011 um 18:14 Uhr  

Kommentare  

 
+6 # Ingrid Speltner 2011-10-03 08:47
Ich kann nur dazu beitragen und bewunderswert aufsehen das Peggy Claude-Pierre eine wirkliche Legende ist.Allein Ihre Wichtigkeit und Besorgnis fuer andere kranke Anorexische Patienten koennen sich viele Aerzte und Psychologen nur ein gutes Beispiel daran nehmen!Zwar fand ich besonders den Teil des kritisieren ueber das anschreien demuetigen und Missbrauch sehr eigenartig und unverstaendlich ,aber vielleicht hat gerade diese Methode mehr kranken geholfen,als auf der guten Art.Denn anderseits wuerden die Aerzte und die Therapeuten nicht nach dem Behandlungskonz ept von Claude Pierres vorgehen!Aber der Wille und das Glauben dieses Paares ist ja so kraftvoll und voller Glauben in den Haenden beider aufgenommen worden mit viel Geduld,was vielleicht auch Aerzte nicht machen koennen,obwohl die keine Lizenz dafuer hatten!Ich hoffe,das trotzdem dieser Weg anderen kranken Anorexischen Leuten weiterhelfen wird,denn Ihre beiden Toechter haben die ja nicht aufgegeben!
Antworten
 

Kommentar schreiben

Die Kommentarfunktion soll zur Diskussion des jeweiligen Artikels dienen. Bitte beachten Sie, dass wir Kommentare nicht notwendigerweise beantworten oder Beratung über die Kommentarfunktion anbieten können. Zum Austausch mit anderen Betroffenen und Angehörigen nutzen Sie bitte unsere Kommunikationsangebote unter hungrig-online.de. Kommentare mit Fragen zu Größe und Gewicht werden in der Regel gelöscht. Hinweise zur Datenverarbeitung bei Kommentaren finden Sie auf unserer Informationsseite zum Datenschutz.

Sicherheitscode
Aktualisieren

Über uns

Magersucht-Online ist das Informationsangebot des Hungrig-Online e.V. zum Thema Magersucht.
Hungrig-Online e.V.
Postanschrift:

Hungrig-Online e.V.
Ottilienstraße 28a
81827 München
Vorstand:
Dr. phil. Maike Reimer, Sarah Krohn, Doris Hunnekuhl, Petra Supperl, Jessica Gahn.
Spendenkonto:
BIC BYLADEM1ERH
IBAN DE5476350000 0000003973
Sparkasse Erlangen
Spendenquittungen zur Vorlage beim Finanzamt können ausgestellt werden.

Hungrig-Online e.V. ist Mitglied im
BFE-Logo


Werbung: Buchempfehlungen bei Amazon

Weiterführende Informationen, Literatur und Bibliographie

Über die auf den einzelnen Seiten explizit gegebenen Quellenangaben und Links hinaus halten wir für Sie ein umfassendes Verzeichnis von Fachliteratur und eine Bibliographie zu Essstörungen bereit. Weiterführende Informationen finden Sie auch hier.