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Peggy Claude-Pierre,
das Negativismussyndrom, die Klinik in Montreux und „Der Weg zurück
ins Leben"
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Die Montreux-Klinik
Peggy Claude-Pierre
Peggy Claude-Pierre ist gebürtige Schweizerin und lebt heute
in Victoria, Kanada. Sie hat sich frühzeitig von ihrem ersten
Mann getrennt, hat zwei Töchter und ist wieder neu verheirat
mit David Harris, der Kliniksprecher ihrer Klinik war. Ihre
beiden Töchter erkrankten während der Pubertät nacheinander
an Anorexia Nervosa, im Zuge der Krankheit verloren sie in
lebensbedrohlichem Maße Gewicht. Sie als Mutter versuchte
vergeblich, ihnen zu helfen, indem sie zusammen mit ihnen
eine Reihe von Ärzten, Psychologen, Fachleuten und Kliniken
aufsuchte, die ihr aber alle mitteilten, dass ihren Töchtern
nicht mehr zu helfen und die Anorexie eine unheilbare Krankheit
sei.
Claude-Pierre war verzweifelt und wollte sich mit dieser
Aussicht nicht zufrieden geben, sie wollte ihre Töchter nicht
sterben sehen, sondern alles für sie tun und ihnen helfen.
Also versuchte sie, in Eigeninitiative ihren Kindern, parallel
zu ihrem Psychologiestudium, das sie zu dieser Zeit absolvierte,
zu helfen. Sie kümmerte sich Tag und Nacht allein um ihre
schwerkranken Töchter, erst als es den beiden etwas besser
ging, gab sie auch mal für wenige Stunden die Verantwortung
an sehr gute Freunde ab, ansonsten nahm sie ihre Töchter
überall mit hin und betreute sie allein rund um die Uhr. Ihr
gelang es, dass ihre Töchter wieder anfingen zu essen, wieder
zunahmen, ihre psychische und physische Verfassung sich besserte
und normalisierte und sie beide heute voll im Leben stehen.
Die Klinik in Montreux
Aus ihren Erfahrungen mit ihren beiden Töchtern heraus eröffnete
sie 1988 eine ambulante Praxis für Patienten mit Essstörungen,
1993 gründete sie dann mit ihrem Mann, David Harris, zusammen
die Montreux Klinik in Victoria, Britisch Kolumbien, Kanada.
Diese Klinik hat mehrere ambulante Außenstellen in Kanada.
Claude-Pierre behandelte in ihrer Klinik gleichzeitig bis
zu 8 Patienten mit Anorexia Nervosa bzw. Bulimie aus aller
Welt, die bereits entweder wegen ihres sehr niedrigen Gewichts,
zahlreicher bisher erfolgloser Therapien und Klinikaufenthalte
oder jahrelanger Krankheitskarriere aufgegeben worden waren.
Nach verschiedenen Aussagen schwankten die Behandlungskosten
zwischen $ 16.000 und $ 30.000 im Monat, weshalb nur „Auserwählte"
in den „Genuss" dieser Klinik kamen. Nebenher betreute sie
bzw. ihre Mitarbeiter etwas mehr als 20 Patienten ambulant.
Viele der Patienten, die Montreux verließen, waren geheilt
und äußerten sich sehr positiv über die Behandlung dort, da
sie sehr menschlich, warm und eben auch wirksam gewesen sein
soll. Claude-Pierres Behandlung fußte auf unbedingter Liebe,
Bestätigung und Unterstützung. Jahrelang glänzte Claude-Pierre
mit einer Heilungsquote von mehr als 90%, die übrigen 10%
seien Behandlungsabbrüche z. B. aufgrund Geldmangels etc.
gewesen. Unerwähnt blieb aber, dass Patienten wenige Tage
bzw. Wochen nach Entlassung aus ihrer Klinik an ihrer Anorexie
bzw. Bulimie starben.
Nachdem Peggy Claude-Pierre bzw. ihrer Klinik mehrfach mit
Lizenzentzug gedroht worden war und ihr der Weiterbetrieb
nur unter verschiedenen Auflagen und Bedingungen gestattet
wurde, wurde ihr die Lizenz letzten Sommer endgültig abgenommen,
da sie den Auflagen nicht nachkam.
Grundlage für den Entzug der Lizenz waren Untersuchungen
und Ermittlungen, in denen herauskam, dass z. B. gegen die
kanadischen Pflegerichtlinien verstoßen wurde, dass minderjährige
Patienten betreut und behandelt wurden, obwohl sie nicht die
Berechtigung dazu besaß, dass Patienten behandelt wurden,
die dringend in medizinische Versorgung gehört hätten, welche
man ihnen in Montreux aber nicht geben konnte, da Montreux
nur auf die psychische Behandlung eingerichtet ist. Hinzu
kamen Aussagen von Patienten, nach denen sie angeschrieen,
gedemütigt und sogar missbraucht worden sein sollen.
Ein Einspruch ihrerseits war erfolglos.
Behandlungskonzept und Negativismus
Peggy Claude-Pierre wendete in ihrer stationären wie auch
ambulanten Behandlung ein relativ neuartiges von ihr eigens
aufgestelltes Konzept an, von dem sie meint, dass einzig allein
dieses Konzept den Patienten, auch denen, die von allen Ärzten
und Psychologen bereits aufgegeben worden sind, helfen kann.
Peggy Claude-Pierres Behandlungsansatz stützte sich auf ihre
These, dass Anorexie bzw. Bulimie nicht primär durch Traumata,
bestimmte Familienstrukturen und Erziehungsweisen, überhöhte
Ansprüche und überzogene Wertmaßstäbe und vielleicht auch
die Gesellschaft etc.verursacht werden, sondern ihrer Aussage
nach ist der ursprüngliche Grund das Negativismussyndrom,
welches alle der Esssgestörten gemeinsam haben.
Dieses Negativismussyndrom bzw. die Disposition zum Negativismus
sei von Geburt an vorhanden und äußere sich in dem Bestreben,
die Welt zu verbessern und an allem Übel der Welt Schuld zu
sein. Diese Menschen hätten den Drang, sich selber ständig
zurückzunehmen, überall zu helfen, einen hohen Anspruch an
Perfektion und das Gefühl, sie selber hätten kein Recht auf
Hilfe oder Unterstützung, sie müssten sich gnadenlos selbst
zerstören und seien absolut wertlos. Die Patienten würden
durch bestimmte Aussagen von Freunden oder Verwandten und
den Eltern teilweise geradezu in ihrem Negativismus bestärkt,
was sie immer tiefer in die Spirale des Negativmus hineinrutschen
lässt und sich möglicherweise früher oder später in einer
Essstörung äußert.
Claude-Pierre betont immer wieder, dass Eltern keine Schuld
an der Erkrankung ihrer Kinder hätten, dass Traumatas und
andere einschneidende Ereignisse nur eventuell ein Auslöser
für die Essstörung gewesen seien, aber einzig und allein das
Negativismussyndrom die Ursache ist. In besonderem Maße gegen
diesen von ihr formulierten Negativismus richtet sich ihre
Behandlung.
Die Patienten werden in ihrer Klinik, zumindest im Anfangsstadium,
1:1 betreut. Pflege- bzw. Behandlungspersonal sind nur speziell
von Claude-Pierre und ihrem Mann ausgesuchte Personen, die
den Ansprüchen Claude-Pierres gerecht werden und ihre Ansichten
und Behandlungsmethoden voll vertreten und bereit sind, sich
über ein normales Maß zu engagieren und in der Klinik bzw.
der Behandlung der Kranken einzubringen. Darunter waren nicht
immer fachlich qualifizierte Personen, was u.a. für die kanadischen
Gesundheitsbehörden Grund war, der Montreux-Klinik die Lizenz
zu entziehen.
In der Behandlung wird die Anorxie bzw. die Bulimie „personifiziert"
und die Patienten sollen zusammen mit dem sie unterstützenden
Pflegepersonal gegen dieses „Monster" ankämpfen. Diese „negative
innere Stimme" sei es, die den Patienten verbiete, zu essen,
zu schlafen, sich Gutes zu tun, sich auszuruhen, Hilfe anzunehmen,
die sie ständig trieb, gegen sich selbst zu arbeiten, die
Gutes nicht gut genug sein lässt, zu Perfektion antreibt und
den Patienten in den Tod treibt.
Claude-Pierres Behandlungsplan orientiert sich an der Entwicklung
eines Babys zum Erwachsenen, er ist in 5 Stadien gegliedert:
Das erste Stadium ist das Akutstadium, in dem die Patienten
eingeliefert werden, es entspricht der Säuglingszeit, die
Patienten sind noch völlig abhängig und werden total von dem
„Monster", ihrer negativen Stimme beherrscht. In dieser Zeit
ist immer mindestens eine Person rund um die Uhr bei den Patienten,
überwacht sie bei jeder Tätigkeit, ist physisch und emotional
total für den Patienten da. Die Bezugsperson ist unentwegt
bemüht, dem „Monster" zu widersprechen und von der wahren
Realität zu überzeugen.
Wenn der Patient gelernt und eingesehen hat, dass er krank
ist und Hilfe benötigt und auch bereit ist, sich diese geben
zu lassen, seine Umwelt, das Vertrauen seiner Bezugspersonen
allmählich annehmen kann, dann wechselt er in das zweite Stadium,
das Emergenzstadium. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits in
der Lage, sich ab und zu bzw. in gewissem Maße gegen die „negative
innere Stimme" zu wehren und sich zu widersetzen. Der Patient
fängt an, seine Identität zu suchen, Grenzen zu suchen und
auszutesten. Er darf am Unterrichtsprogramm der Klinik teilnehmen,
soll lernen, eine eigene Meinung zu haben und zu dieser zu
stehen, ist ansonsten aber noch emotional sehr labil und beeinflussbar
und auch abhängig, er wird immer noch 1:1 betreut.
Danach kommt der Patient in das Realitätsstadium, in dem
die „wahre" innere Stimme genauso stark ist wie die „negative
innere Stimme", die eigentliche Persönlichkeit der Person
kristalliert sich heraus, der Patient nimmt seine Umwelt wieder
besser und realer und nicht mehr als einziger Feind wahr.
Die ständige Überwachung durch das Behandlungsteam wird gelockert
und den Patienten wird Freizeit eingeplant. Auffallend in
diesem Stadium ist das noch rapide Schwanken zwischen totaler
Abhängigkeit und dem Wunsch, total selbstständig zu sein.
Am Ende dieses Stadiums wird der Patient in die Teilzeittherapie
übernommen. Dieses Stadium ist vergleichbar mit der Pubertät.
Nun kommt der Patient in das Interaktionsstadium, welches
dem frühen Erwachsenalter entspricht. In dieser Zeit werden
die Patienten nur noch ambulant betreut, sie werden selbstständiger
und reifer und auch objektiver. Das Betreuungsteam unterstützt
im Aufbau des sozialen Umfeldes und beim Festigen des bisher
Erreichten. Das Leben in einem bestimmten Umfeld bzw. die
Auseinadersetzung damit einschließlich dem Leben von Beziehungen
nimmt den Großteil der Therapiestundenzeit ein und ist Hauptthema.
Die Familie wird in den Behandlungsplan integriert und nimmt
an den Therapiesitzungen teil.
Als letztes folgt das Integrationsstadium, in welchem der
Patient nach Hause zurückkehrt und nur in gewissen immer größer
werdenden Abständen in der Klinik „vorbeischaut". In dieser
Zeit finden noch ambulante Therapiestunden statt, auch ist
das Behandlungsteam noch jederzeit erreichbar, andererseits
dient diese Zeit, damit sich der Patient bewähren kann, sie
wird auch „Probezeit" genannt, es finden einige Auswertungsgespräche
statt. Erst wenn diese positiv verlaufen sind, wird der Patient
endgültig entlassen. Nun soll er sein „eigentliches" Ich gefunden
haben, in der Lage sein, dazu zu stehen und sich selbst zu
verwirklichen.
Die Länge der einzelnen Stadien hängt jeweils vom Patienten
ab. Es war durchaus nicht selten, dass Patienten mehrere Jahre
stationär und ambulant bei P. Claude-Pierre betreut wurden.
Über die Rückfallquote kann man bisher erst wenig sagen, da
solange diese Klinik ja noch nicht existiert/e und es sich
in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erst zeigen wird, ob
es zu Rückfällen kommt oder nicht. Da die Zahl der Menschen,
die nach einer Behandlung in ihrer Klinik verstarben, bisher
kaum oder gar nicht erfasst und dokumentiert wurde, ist das
Bild vom Erfolg dieser Klinik sehr verzerrt.
Die Zahl der bekannten Todesfälle entspricht ungefähr den
allgemeinen Schätzungen und Erfahrungen, dass zwischen 5 und
20 % aller Anorexie-Patienten immer noch sterben. Peggy Claude-Pierre
hat ein Buch über ihre Ansätze, ihre Erfahrungen, das Negativismussyndrom
und die Behandlungsansätze in ihrer Klinik veröffentlicht,
welches auf Englisch unter „The Secret Language of Eating
Disorders" und auf deutsch als „Der Weg zurück ins Leben"
weltweit erhältlich ist.
Der Engel von Montreux in der Kritik
Nach anfänglicher Euphorie, dem Bewundern der Person Claude-Pierres,
da es ihr gelang, längst aufgegebene Patienten zu heilen,
sie wurde von Anhängern „Engel von Montreux" genannt, und
der Meinung, nun den wahren Grund von Anorexia Nervosa und
Bulimie bzw. ein geeignetes Behandlungskonzept gefunden zu
haben, werden mehr und mehr kritische Stimmen laut, die das
Negativismussyndrom als „Ausrede sich-schuldig-fühlender Eltern"
bezeichnen und ihr Behandlungskonzept als einen „Versuch der
Wiedergutmachung" betiteln. Sie mache es sich zu einfach,
die Vielzahl der tatsächlichen Ursachen nur als Auslöser zu
betrachten und einzig und allein einen „angeborenen Negativismus"
als Ursache zu erachten.
Inzwischen gibt es jedoch auch Ärzte und Therapeuten sowie
Kliniken, die nach dem Behandlungskonzept Claude-Pierres vorgehen.
Die Zeit, Erfahrungen und Diskussionen werden zeigen, ob Peggy
Claude-Pierre eine moderne Legende ist oder ihr Konzept eine
ernstzunehmende Therapieform für Essstörungen.
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