Magersucht-Online
Selbstverletzendes
Verhalten (SVV)
Magersucht-Online >>>
Selbstverletztendes Verhalten
Selbstverletzung in Verbindung mit Eßstörungen
Viele Menschen mit Essstörungen verletzen sich selbst. Ebenso
wie die Essstörung hilft auch die Selbstverletzung dem Betroffenen
bei der Verdrängung, dem Abblocken und der Äußerung von Gefühlen
und Empfindungen. Selbstverletzung ist die Form selbstschädigenden
Verhaltens, die am häufigsten missinterpretiert wird und mit
der viele Mythen verbunden sind. Daher fällt es den Betroffenen
auch besonders schwer, sich zu öffnen und um Hilfe zu bitten.
Selbstverletzung kann als Versuch betrachtet werden, seinem
eigenen Körper freiwillig Schaden zuzufügen. Obwohl die Verletzungen
schwer genug sind, um einen bleibenden Schaden zu hinterlassen,
ist die Selbstverletzung an sich kein bewusster Selbstmordversuch.
Die am häufigsten beschriebenen Ursachen für Selbstverletzung
sind sexueller und körperlicher Missbrauch in der Vergangenheit,
allerdings muss das nicht immer der Fall sein.
Auch die Abstammung aus zerrütteten Familien, alkoholkranke
Eltern, mangelnde körperliche und seelische Zuneigung und
ähnliche Situationen können mögliche Ursachen sein.
Arten des selbstverletzenden Verhaltens
Es werden drei Arten von selbstverletzendem Verhalten unterschieden:
- Selbstverstümmelung.
Die ist die seltenste und extremste Form selbstverletzenden
Verhaltens, es werden Gliedmaßen oder andere Körperteile
amputiert, auch eine Kastration ist möglich. Natürlich hinterlässt
diese Form irreparabele bleibende Schäden.
- Sich innere Verletzungen zufügen.
Diese Form der Selbstverletzung äußert sich darin, dass
die Betroffenen den Kopf gegen die Wand schlagen, sich den
Augapfel eindrücken oder sich beißen.
- Sich äußere Verletzungen zuführen.
Dies ist die am häufigsten auftretende Form selbstverletzenden
Verhaltens. Hierzu werden alle möglichen äußeren Verletzungen,
wie z.B. sich die Haare ausreißen, sich schneiden, sich
verbrennen/verbrühen, sich selber die Knochen zu brechen,
sich selber schlagen, oder der Eingriff in den Heilungsprozess
äußerer Wunden gezählt.
Warum fügt sich jemand absichtlich Schaden zu?
Viele der Betroffenen neigen zum Perfektionismus, sind unfähig,
mit intensiven Gefühle umzugehen, und nicht in der Lage, ihre
Gefühle verbal auszudrücken. Sie lieben sich selbst und ihren
Körper nicht und leiden unter Umständen unter ernsten Stimmungsschwankungen.
Sie greifen zur Selbstverletzung als einem Mittel, ihre Gefühle
auszudrücken oder um sich selbst zu bestrafen.
Selbstverletzung kann helfen, sich von intensiven Gefühlseindrücken
und Empfindungen, wie Ärger/Wut, Traurigkeit, Einsamkeit,
Scham, Schuld und anderen seelischen Qualen zu befreien.
Für viele, die sich schneiden, ist das ein Ventil, den innerlich
aufgestauten Druck herauszulassen. Andere wiederum empfinden
sich selbst als so taub und gefühllos, dass erst der Anblick
ihres eigenen Blutes ihnen zeigt, dass sie noch leben. Es
ist für viele Betroffene einfacher, mit körperlichen Schmerzen
umzugehen als mit seelischen Qualen.
Selbstverletzung kann aber auch als eine Form der Selbstbestrafung
benutzt werden. So leiden Missbrauchsopfer sehr häufig unter
Scham- und Schuldgefühlen und machen sich selber für den Missbrauch
verantwortlich, weshalb sie das Bedürfnis verspüren, sich
selber zu bestrafen, indem sie ihrem Körper Schmerzen zufügen.
Andere Betroffene verspüren wiederum einen solchen Hass auf
sich und ihren Körper, dass sie sich erniedrigende Namen in
die Haut ritzen, um sich daran zu erinnern, wie wertlos sie
angeblich sind.
Welche Form der Selbstverletzung auch immer benutzt wird,
bei den Betroffenen bleibt in der Regel ein Gefühl der inneren
Ruhe zurück, das allerdings nicht sehr lange vorhält, so dass
dieses Verhalten immer wieder gezeigt wird, bis die eigentlichen
Ursachen der Selbstverletzung herausgefunden werden und gesündere
Strategien zur Problemlösung entwickelt werden.
Unmittelbare Hilfe beim Drang zu Selbstverletzung
Wenn du den Drang verspürst, dich selber verletzen zu wollen,
dann versuche folgendes, statt ihm nachzugeben:
- Tiefes Durchatmen
- Entspannungstechniken
- Einen Freund, den Therapeuten oder beim Telefon-Krisendienst
anrufen
- Versuche, möglichst nicht alleine zu sein (Besuche einen
Freund, geh zum Einkaufen, etc.)
- Nimm ein heißes Bad
- Höre Musik
- Geh spazieren
- Schreib in dein Tagebuch
- Trag ein Gummi - Armband und lass es schnalzen, falls
du dem Drang spürst, dich selber verletzen zu wollen
- Manche finden es hilfreich, sich rote Striche mit wasserlöslichen
Filzstiften auf die Haut zu malen, anstatt sich zu schneiden
- Nimm Eiswürfel in die Hand und mach eine Faust. Die Kälte
ist zwar schmerzhaft, aber weder gefährlich noch gesundheitsschädlich
(einige finden, dass es sie vom Zwang, sich selbst zu verletzen,
für diesen Moment befreit)
- Schlag auf das Bett, in die Matratze oder auf ein Kopfkissen
(wenn du den Ärger oder Frust nur körperlich abreagieren
kannst)
- Schnitze, anstatt dich selber zu ritzen, ein Bild/eine
Figur in ein dickes Stück Holz oder benutze einen Schraubenzieher,
um auf ein Stück Holz einzustechen (das kann auch eine Form
sein, körperlich Druck abzulassen, ohne sich selbst zu verletzen)
- Lass dich nicht in Versuchung führen (d. h. vermeide z.B.,
dich in der Nähe von Orten aufzuhalten, wo Rasierklingen
aufbewahrt werden)
- Finde deine eigene Form, Emotionen kreativ auszuleben
- Lerne, andere zu konfrontieren, teile ihnen deine Gefühle
mit, anstatt sie zu schlucken oder sie für dich zu behalten.
- Geh an die frische Luft, schrei und brüll (so laut du
kannst)
- Fange an, Sport zu treiben, eine Form von körperlicher
Betätigung, die dir helfen kann, innere Spannungen abzubauen
- Arbeite mit Farben, Ton, Knetmasse, oder ähnlichem (Betroffene,
die das vorgeschlagen haben, meinten, dass man eine riesige
Skulptur damit formen könne und ihr das antut, was man sich
eigentlich selber antun möchte. Sie sagten, dass es helfen
würde, nicht dem Drang sich selber zu verletzen nachzugeben,
und dass es ihnen zusätzlich eine Idee geben würde, was
eigentlich hinter den innerlichen Schmerzen/Ängsten stecken
könnte)
- Male ein Bild über das oder von demjenigen, der Grund
für deine Wut/deinen Ärger ist
- Anstatt dich selber zu verletzen, versuche die Stelle,
die du eigentlich verletzen möchtest, mit Massageöl oder
Bodylotion zu massieren. Erinnere dich daran, dass du etwas
Besonderes bist und dass du es verdienst, dich selber und
deinen Körper mit Liebe und Respekt zu behandeln.
- Trage einen Pfeifenreiniger oder einen ähnlichen Gegenstand
bei dir, der nicht zu groß und unhandlich für die Stelle
ist, die du verletzen möchtest. Für eine Betroffene war
das ein Weg, sich daran zu erinnern, dass sie jemanden anrufen
könnte, anstatt sich selber zu verletzen, und dass es für
sie andere Möglichkeiten der Problemlösung gibt
- Zerbrich/Zerstör den Gegenstand, den du benutzt, um dich
zu verletzen als äußeres Zeichen dafür, dass du die Kontrolle
darüber hast
- Schreib an die Menschen, die dich verletzt haben und erkläre
ihnen, was ihr Verhalten bei dir auslöst. Diese Briefe müssen
nicht perfekt sein und niemandem außer dir gefallen. Du
musst sie auch nicht abschicken, aber es ist eine gute Gelegenheit,
all die Gefühle, die du in dir trägst, herauszulassen. Nachdem
du die Briefe geschrieben hast, entscheide, was du mit ihnen
machen willst. Manchen hilft das Vernichten der Briefe (
sie z. B. zu zerreissen, in einen See zu werfen, sie zu
verbrennen, etc.)
- Erledige Hausarbeiten (z. B. Putzen)
- Versuche es mit Handarbeiten, z. B. Nähen, Stickereien,
etc.
- Sag ein Gedicht, Gebet oder etwas anderes, vertrautes,
Trost spendendes auf
- Schreib all deine positiven Seiten auf und warum du es
nicht verdienst, verletzt zu werden.
- Schreib in deinem Tagebuch, warum du dich selber verletzen
möchtest und, falls du es schon getan hast, schreib auf,
was dich dazu veranlasst hat, so dass du es in Zukunft verhindern
kannst, oder finde heraus, was die Auslöser dafür sind
- Nimm ein Musikinstrument, egal welches, und spiele darauf.
Selbst wenn du eigentlich gar nicht weißt wie, so ist die
Konzentration darauf, Töne herauszubringen, ein guter Weg,
die plagenden Gedanken loszuwerden
- Yoga
- Erlaube dir zu weinen. Du fühlst dich besser, wenn die
Tränen erst einmal raus sind. Es kann dein Inneres befreien
und so eine Alternative zur Selbstverletzung darstellen.
Stell dir dabei vor, dass all das Abscheuliche, Ekelerregende
beim Weinen mit heraus gespült wird
- Stell dich unter die Dusche
- Schreib das Wort auf, das dein momentanes Gefühl am besten
ausdrückt (z.B. schrecklich, traurig, einsam, wütend/ärgerlich
) und schreib weiter, immer weiter... Manchmal werden dabei
lustige, skurrile Wörter herauskommen und für Spaß und Heiterkeit
sorgen.
- Sing ein Lied über das, was du gerade fühlst. Das ist
eine andere Möglichkeit die Gefühle herauszulassen
- Schreie, wenn du glaubst, verrückt zu werden. Lass die
Worte einfach aus dir heraussprudeln.
- Kritzle auf ein Stück Papier. Pack den Stift mit der ganzen
Hand. So kannst du großflächig über das Papier malen (am
besten noch ein paar Blätter als Unterlage, damit du es
mit dem Stift nicht zerreißt).
- Nimm den Gegenstand, mit dem du dich sonst selber verletzt,
und richte es dieses Mal gegen etwas anderes als dich selbst.
Wenn du z. B. eine Rasierklinge benutzt, dann ritze damit
in ein Handtuch. Manchmal reicht das Bewusstwerden darüber,
was angerichtet werden kann, schon aus, damit der Betroffene
noch einmal darüber nachdenkt, so etwas auch wirklich bei
sich selber zu tun. Das kann den Eindruck, sich selber zu
verletzen, fühlbar machen
- Schreib eine Liste mit Gründen, warum du das Scheiden
aufhören wirst. Immer, wenn du dann den Drang verspürst
dich selber zu verletzen, lies die Liste als Erinnerung
daran, warum du es jetzt nicht tun solltest. Vergiss auch
nicht, auf dieser Liste zu erwähnen, warum du es nicht verdienst,
dich selber zu verletzen. Du bist nämlich jemand Wichtiges
und etwas ganz Besonderes.
- Einfach drauf los schreiben ein Wortdokument öffnen
wo man all seine Sorgen und Ängste reinschreiben kann
- Ablenken Fingernägel oder eincremen o.ä. machen
- Kaugummi kauen
- Teelichter anmachen und sich aufs Bett legen und an die
Decke gucken und einfach nur zuschauen wie die Schatten
der Lichter spielen
- Etwas für andere Leute erledigen
- Alte SMS lesen/löschen
- Spazieren gehen einfach weg von dem Ort wo man sich verletzen
könnte
- Fahrrad fahren
Wenn du noch andere Vorschläge hast, die dir in der Vergangenheit
geholfen haben und auch für andere eine Hilfe sein könnten,
dann schick bitte eine eMail an webmaster@magersucht-online.de.
Damit hilfst du, die Liste noch zu erweitern.
Für die Betroffenen ist es sehr schwer, anderen gegenüber
zuzugeben, dass sie sich selber verletzen, da damit sehr oft
Scham- und Schuldgefühle verbunden sind. Es ist aber wichtig,
dass du genau das versuchst und dich daran erinnerst, dass
es überhaupt keinen Grund gibt, sich für das, was du tust,
zu schämen. Es ist in Ordnung, wenn du dich anderen öffnest
und um Hilfe bittest.
Damit du gesund werden kannst, ist erst einmal der Wille
notwendig, dein selbstschädigendes Verhalten aufzugeben. Außerdem
musst du einen Therapeuten finden,
den du magst und dem du vertraust. Er wird dir helfen, die
tiefer liegenden Ursachen, die hinter all dem stecken, herauszufinden.
Manchmal kann mit der Therapie auch eine Behandlung mit Medikamenten
verbunden sein. Hypnose oder Entspannungstechniken können
ebenfalls manchmal helfen. In einigen Fällen ist ein stationärer
Aufenthalt für eine kurze Zeit erforderlich.
Falls es Selbsthilfegruppen in deiner Gegend gibt, dann
ziehe auch in Erwägung, dir dort zusätzlich Unterstützung
zu holen.
Viele Betroffene halten es geheim, weil sie glauben, dass
sie durchgedreht, verrückt oder schlecht bzw. böse sind. Sie
fürchten, für immer ausgestoßen zu werden, falls sie es doch
jemandem erzählen. Die Wahrheit jedoch ist, dass die Menschen,
die sich selber verletzen, tatsächlich sehr normal und geistig
gesund sind. Allerdings leiden sie unter starken seelischen
Qualen. Sie verletzen sich selber, um mit diesen Qualen zurechtzukommen,
weil sie vermutlich nie gelernt haben, wie man mit intensiven
Gefühlen und Empfindungen auf gesunde Art und Weise umgeht.
Wenn das Umfeld von dieser Form der Selbstverletzung erfährt,
dann neigt es leider dazu, den Betroffenen als geisteskrank
oder verrückt einzustufen. Auch dies ist ein Grund dafür,
dass sich viele Betroffene nicht trauen, den Schritt aus der
Heimlichkeit heraus zu machen und um Hilfe zu bitten.
Solange die Gesellschaft lieber all den Mythen, welche die
Selbstverletzung umgeben, Glauben schenkt und nicht anfängt,
sich eigenständig darüber zu informieren, solange werden die
darunter Leidenden weiterhin schweigen und solange wird diese
Form des Missbrauchs auf lange Zeit ein Geheimnis bleiben.
Übersetzt von Ute,
bearbeitet von Felix. Danke euch beiden.
Mehr
zum Thema Literatur
zum Thema Diskussion
zum Thema
| Zum Seitenanfang | Zur
übergeordneten Seite | Zur
Hauptseite |
© 1999-2009 Magersucht-Online
|