Bei der Entstehung der Anorexie wirken verschiedene Faktoren
zusammen, die sich gegenseitig beeinflussen. In der Graphik
sind diese Einflüsse zusätzlich visuell dargestellt.
- Biologische Einflüsse
Man vermutet, dass bei vielen anorektischen Patientinnen eine
Störung derjenigen Hirnregion vorliegt, die der Steuerung
des Essverhaltens, der sexuellen Aktivität und der Menstruation
dient. Es ist allerdings auch möglich, dass die Funktionsstörung
dieser Hirnregion erst im Laufe der Erkrankung, z.B. als Folge
des Gewichtsverlustes, auftritt und zur Aufrechterhaltung
der Störung beiträgt, aber nicht ihre eigentliche
Ursache ist. Für eine biologische Verursachung der Magersucht
sprechen jedoch Untersuchungen, die zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit,
dass der eineiige Zwilling von einer anorektischen Patientin
ebenfalls an Magersucht leidet, etwa 50% beträgt. Bei
zweieiigen Zwillingen liegt diese Wahrscheinlichkeit bei unter
10%. Diese Ergebnisse belegen, dass eine genetische Veranlagung
an der Entstehung der Anorexie beteiligt ist.
- Psychologische Einflüsse
Die Tatsache, dass Anorexie besonders häufig während
der schwierigen Entwicklungsphase der Pubertät beginnt,
hat zu der Ansicht geführt, dass die Erkrankung auftritt,
wenn die junge Frau sich von der Bewältigung der alterstypischen
Anforderungen überfordert fühlt. Während der
Pubertät entwickelt sich das Mädchen zur Frau und
muss eine entsprechende neue Identität finden. Fühlt
sich die Betroffene davon überfordert, entsteht ein tiefes
Gefühl der Unsicherheit. Für viele Patientinnen
scheint der Versuch, Kontrolle über ihr Körpergewicht
ausüben zu können, ein Gefühl von Sicherheit
zu vermitteln. Das Körpergewicht wird eine wichtige Quelle
für ihr Selbstwertgefühl.
In den Familien anorektischer Patientinnen sind häufig
bestimmte Verhaltensmuster festgestellt worden. Die Patientinnen
werden oft von ihren Eltern stark behütet, d.h. dass
auch in der Familie nicht angemessen auf die Entwicklung des
Kindes zur Frau reagiert wird. Ebenso scheinen Konflikte in
der Familie in vielen Fällen nicht angesprochen zu werden.
Allerdings handelt es sich bei diesen Feststellungen um reine
Beschreibungen typischer familiärer Verhaltensmuster;
es ist durchaus möglich, dass diese nicht die Ursache,
sondern die Folge der Erkrankung sind. Das Krankheitsbild
der Anorexie ist gerade für die Eltern sehr besorgniserregend,
was dazu führen kann, daß sie ihr Kind schützen
und von Konflikten fernhalten möchten.
- Gesellschaftliche Einflüsse
In westlichen Gesellschaften hat sich das Schönheitsideal
seit Anfang der 60er Jahre immer mehr in Richtung eines sehr
schlanken Körpers entwickelt. Paradoxerweise ist es auf
der anderen Seite durch relativen Wohlstand und ein Nahrungsüberangebot
gleichzeitig zu einem Anstieg des Durchschnittsgewichts gekommen.
Übergewicht wird insbesondere bei Frauen gesellschaftlich
sehr negativ bewertet. Übergewichtige Männer werden
als stattlich bezeichnet, Frauen hingegen als fett. Durch
Werbung und Filme erhält man den Eindruck, dass nur schlanke
Frauen erfolgreich und beliebt sind, dicke Frauen sind entweder
graue Mäuse oder "Ulknudeln". Gerade junge Frauen, die
während der Pubertät körperliche Veränderungen
durchlaufen und erst ein Gefühl für ihren "neuen"
Körper entwickeln müssen, können durch dieses
Schlankheitsideal stark verunsichert werden.